Die Demütigungsmaschine

Warum nur wählt jemand freiwillig die Obdachlosigkeit? Diese Entscheidung konnte ich früher nie nachvollziehen, obwohl ich von Menschen gehört hatte, die die Ihnen zustehenden Sozialleistungen freiwillig ausschlagen. Allmählich beginnt mir zu dämmern, warum manche Menschen sich für die härteste aller möglichen Daseinsformen in der westlichen Welt entscheiden: Weil sie sich zusätzlich zum Verlust ihres Arbeitsplatzes, ihrer Gesundheit, ihrer Ersparnisse nicht noch obendrein die Demütigung des System zumuten wollen, das mit jeder „Leistung“ im- oder explizit ein „Du bist uns nicht mehr wert als das“ mit dazugibt. Ohne (finanzielle) Mehrkosten sozusagen. Wenn man ganz unten ist, kann man genau eine Sache nicht auch noch gebrauchen: Dass noch ordentlich nachgetreten wird bei jeder „Zuwendung“ des Systems. Allmählich wird mir das immer klarer.

Nun habe ich also nach Jahren gesundheitlich bedingter 100%-iger Erwerbsminderung den Versuch gewagt, etwas Hinzuverdienst zu erwirtschaften. Die Kontakte kamen von einem wohlmeinenden und pragmatisch veranlagten Freund, der mir den Kontakt zu einer Casting Agentur für Komparsenrollen mitteilte. Wurde nun für drei Tage a 75,- plus ggf. Mehraufwand gebucht. Da die abrechnende Produktionsfirma Steueridentifikationsnummer und Bankverbindung wollte, war mir das potentielle Verschweigen dieses ohnehin moderaten Hinzuverdienstes zu riskant. Hab‘ also brav „Meldung gemacht“: Beim Sozialamt, bei der Rentenversicherung, beim Insolvenzverwalter. „Bestes“ aller möglichen Szenarien: Ich behalte 30% des Verdienstes, also ein Taschengeld, und ansonsten ändert sich nichts. Worst case, schlimmste Konsequenz: Insolvenzverwalter und Rentenversicherung und Sozialamt beanspruchen alle gleichzeitig den moderaten Hinzuverdienst und scheren sich nicht drum, dass die jeweils andere Institution schon zugelangt hat. Im Klartext: Ein verdienter Euro müsste dreimal ausgegeben werden können. Geht nicht, schon klar, oder? Bin gespannt…

Aber: Die Ankündigung des (dann bereinigten?) Hinzuverdienstes beim Insolvenzverwalter hat nun erbracht, dass sie gesetztlich dazu verpflichtet sind, den Auftraggeber/Arbeitgeber anzuschreiben und über meine laufende Insolvenz zu informieren. Es klingt für mich nicht so, als ob damit irgendeine Art von Bringschuld seitens des Arbeit-/Auftraggebers verbunden sein wird. Ein vorsichtiges Nachfragen hat aber schon anklingen lassen, dass die das eventuell anders interpretieren werden. Was dann wiederum bedeuten wird, dass die mich vermittelnde Agentur mit Rückfragen belastet werden dürfte. Die Agentur – eine one-woman-show – hat schon bis über beide Ohren damit zu tun, den „Sack Flöhe“ an Komparsen und Kleindarstellern sowie auf der anderen Seite Produktionsfirmen zu hüten, der ihr vermutlich täglich die mühevoll zusammengebastelte Planung zerschiesst. Und nun komme ich daher und brate Extrawürste… Preisfrage: Wieviel Buchungen werde ich da wohl noch bekommen….?

Keine Ahnung, ob ich die Ansprechpartnerin bei der Castingagentur in guter Stimmung erwische und ob meine Verhandlungsdiplomatie ausreicht, die Wogen zu glätten. Im Moment sieht es für mich – mal wieder! – so aus, als würde jeglicher Versuch, wieder in Arbeit zu kommen, auf’s Schärfste und Bitterste bestraft werden….

Deutschland, Du Kackland! (Und: Ja! Natürlich weiss ich wohl, dass es andernorts noch schlimmer ist. Und was lernen wir daraus: Du bist einen Scheiß wert!)


Obdachlosigkeit: Plötzlich Penner | ZEIT ONLINE

Deutschland, 2015. Noch vor genau 10 Jahren undenkbar.

Obdachlosigkeit: Plötzlich Penner | ZEIT ONLINE.


Bandprobe (DE) | wesboundmusic

Ist schon ’ne Weile her, fiel mir aber wieder ein, als eine andere Website neulich einen Beitrag von mir – bzw. in dem Fall einen gebloggten Beitrag aus dem SZ-Magazin – postet: Bandprobe (DE) | wesboundmusic.


Ein Obdachloser im Porträt – Gesellschaft/Leben

Es wird immer klarer: Geschichten wie die von Andreas Läufer sind systemimmanent. Also unvermeidbar, solange man irgendwie im System steckt. Man könnte sagen: Das hat System….

Ein Obdachloser im Porträt – Gesellschaft/Leben. Ein Porträt von Mario Kaiser für das SZ-Magazin. Fotos: Maurice Weiss


Was man nicht sieht, existiert nicht

ptsd - bill strain (CC license)

Photo credit: Bill Strain (Creative Commons, found at http://www.psypost.org/?p=26718)

2003 begann mein Leben zu enden. Nicht im buchstäblichen Sinn, aber im metaphorischen. Ich wurde geschieden. Allerdings nicht nur von meiner (Ex-) Frau, sondern wie sich dann im Verlauf der folgenden Jahre herausstellte auch von meinem Freundeskreis, meinem Beruf, meinen Ersparnissen, meiner Gesundheit und schlussendlich – auch von meiner bisherigen Identität und meinem bis dahin gültigen Weltbild. So könnte man in wenigen Sätzen die große Zäsur und für’s erste irreversibel erscheinende Wendung in meinem Leben bezeichnen, die sich dann mit zunehmender Intensität in allen Lebensbereichen Bahn brach und eine sich rasch beschleunigende Erosion meiner gesamten Existenz zur Folge hatte. Bis dahin hatte ich geglaubt nach den allgemein akzeptierten Regeln „gespielt“ zu haben und war der Annahme, alles in allem im Leben eigentlich meistens ganz gut mitgeschwommen zu sein. Ich hatte Anfang 20 in einem Anflug post-pubertärer Rebellion eine zeitlang als Berufsmusiker meinen Lebensunterhalt verdient und geglaubt, meinen Traum zu verwirklichen, besann mich nach ein paar Jahren anders, verbrachte dann im Anschluß einige Jahre eher unentschlossen, aber sonst ganz zufrieden in diversen Jobs ohne große Qualifkationsanforderungen, bis ich mich schließlich Mitte 20 von meiner damaligen Partnerin davon überzeugen liess doch noch ein Studium aufzunehmen. Rückblickend war wohl die Zeit an der Uni die beste meines Lebens. Ich bekam BaFÖG, hatte ’ne nette Studentenbude, machte einmal die Woche Musik, verdiente zusätzlich Geld mit Nebenjobs, lernte meine spätere Frau kennen und war begeistert, nochmal ganz neu anfangen zu können und gute Bildungsmöglichkeiten beinahe zum Nulltarif in Anspruch nehmen zu können.

Der Berufseinstieg verlief dann aber bereits in Schräglage. Mein Hauptfach an der Uni war zuletzt Linguistik gewesen, in dem ich auch meinen Magister Artium – nach einigen Fach- und Studiengangwechseln – ablegte. Als Quereinsteiger hatte ich mir durch diverse Ferien- und studienbegleitende Jobs in namhaften, international tätigen Firmen genügend Fachwissen in der Informationstechnologie zugelegt um 1998 auf selbständiger Basis Software-Trainings für erwachsene Anwender anbieten zu können, Marketing- und Verkaufskampagnen diverser internationaler Häuser zu begleiten und schließlich als Projektmanager in einem Tochterunternehmen des Hubert-Burda-Medien-Konzerns zu landen. Projektmanager blieb ich auch einige Jahre, bis ich in diesem Umfeld bereits erste Anzeichen verminderter Begeisterungsfähigkeit und Motivations“löcher“ feststellte. Man mag dies als Vorläufer eines burnouts bezeichnen, aber ich denke, ich stellte einfach fest, dass ich keine guten, besser auf mich zugeschnittenen Entscheidungen hinsichtlich meiner beruflichen Laufbahn getroffen hatte. Wie dem auch sei: Nach weiteren beruflichen Korrekturversuchen, die zuletzt in einer selbständige Tätigkeit als Autor für Fachpublikationen und im Bereich Unternehmenskommunikation mündeten, war dann 2008 alles vorbei. Die physischen Manifestationen einer lebenslang bestehenden Grunderkrankung hatten sich so weit in den Vordergrund gedrängt, dass ich nicht mehr funktionierten konnte. Massive Panikattacken nachts und auch mehrmals tagsüber, Übelkeit, Verdauungsbeschwerden, cardio-vaskuläre Beschwerden, die sich wie ein drohender Herzinfarkt anfühlten, Migräne, Schweißausbrüche, chronische Schlafstörungen, Erschöpfung – die Liste an körperlichen „Ausfallerscheinungen“ liesse sich noch einen weiteren halben Absatz lang fortsetzen. Heute ist mir nach einem Tipp eines ehemals konsultierten Psychotherapeuten und darauffolgender jahrelanger eigener Recherche sowie der 2013 erfolgten offiziellen Diagnose klar, dass mich diese Grunderkrankung schon mein gesamtes Leben lang im Griff hatte und ihre Wurzeln bereits in den ersten Lebenswochen nach meiner Geburt hat. Ich spreche von komplexer post-traumatischer Belastungsstörung. Heute habe ich Schwerbehindertenstatus, bin zu 100% und auf Dauer erwerbsgemindert, habe meine Ersparnisse für medizinische Leistungen aufgrund von Leistungsausschlüssen meines Krankenversicherers aufgebraucht und „lebe“ von Grundsicherung. Also um ganz genau zu sein: Von de facto 150,- pro Monat für Nahrung, Kleidung, Transport und das, was als „soziale Teilhabe“ bezeichnet wird. Diese findet hier statt: Online. Für’s richtige Leben und die dort üblichen Aktivitäten fehlt mir meistens das nötige Kleingeld.

Wer den verlinkten Wikipedia-Artikel zur komplexen post-traumatischen Belastungsstörung aufmerksam liest oder anderweitig von dieser Erkrankung gehört hat – im anglo-amerikanischen Sprachraum sind die Chancen dafür aufgrund der zahlreichen traumatisiert zurückkehrenden Kriegsveteranen höher -, wer außerdem über ein Minimum an Vorstellungskraft und Empathie verfügt, dem dürfte bald klar werden, dass es sich hier nicht um bloße „Befindlichkeiten“ handelt. C-PTSD, wie das Kürzel im Englischen heißt, die Kurzform steht für „complex post-traumatic stress disorder„, ist eine extrem belastende Breitseite für Psyche und Physis. Die physischen Manifestationen dieser Erkrankung umreisse ich heute für die wenig bis Nichtinformierten mit der Beschreibung „Trauma installiert sich verselbständigende Folter im Körper“. Allein schon der als Symptom u.a. genannte ständige Schlafentzug aufgrund nächtlicher Albträume, Panikattacken oder einfach aufgrund der sog. Hypervigilanz, also erhöhter, pathologischer Wachsamkeit, ist spätestens seit der CIA-Folteraffäre als Foltermethode auch der breiten Öffentichkeit bekannt geworden. Schon die Summe und Intensität der physischen Ausdrucksformen dieser überwältigenden Schockerfahrung, die echte Traumatisierung – für mich übrigens zu unterscheiden von dem eher umgangssprachlich verwendeten Begriff – mit sich bringt, hat das Potential und lt. Betroffenenberichten auch konkrete Auswirkung, die gefühlte Lebensqualität gen Null sinken zu lassen, ganz zu schweigen vom Verlust einer wie auch immer zu definierenden, stabilen persönlichen Produktivität und der dann absehbaren Probleme am Arbeitsplatz. Hinzu kommt das Stigma, das psychischen Erkrankungen in der Gesellschaft trotz der öffentlichen Bekenntnisse zu ihrer Krankheit von einigen prominenten Persönlichkeiten noch immer weitgehend anhaftet. Kriegsveteranen vermeiden aus diesem Grund häufig den Gang zum Truppenarzt, weil sie offene Schmähungen seitens Ihrer Kameraden fürchten, mindestens aber Nachteile für die Fortsetzung des beruflichen Werdegangs. CNN berichtet von einer kaum fassbaren täglichen Suizidrate von 22 Personen unter Angehörigen der US-Streitkräfte (wobei mir die Kritik an der Interpretation dieser Statistik im Hinblick auf ihren tatsächlichen quantitativen Aussagewert bekannt ist, ich diese aber schon im Kern als zynische Zahlenspielerei und semantische Haarspalterei ablehne). Obschon im Artikel PTSD / PTBS nicht explizit erwähnt wird, melden sich in den Kommentaren zum CNN-Airtkel derart Betroffene zu Wort. Darüber hinaus scheint die Erkrankung als Auslöser für die Suizide zumindest eine Rolle zu spielen, wie u.a. auch die neuere Arbeit der Investigativreporterin und preisgekrönten ehemaligen CNN-Journalistin Amber Lyon auf der von ihr gegründeten Plattform reset.me und dort speziell die Hintergrundartikel und Beiträge zum Thema PTSD nahelegen. Um es mit den Worten von Rachel Hope, einer inzwischen beinahe berühmt gewordenen ehemaligen PTSD-Patientin, am Ende des Interviews auszudrücken: „Bis es soweit ist [… dass die legale Anwendung eines bislang experimentellen Therapieansatzes unter Einsatz von MDMA im klinischen Umfeld einer breiten Öffentlichkeit zugänglich wird, Anm.] fordert PTSD täglich seine Opfer.“

Aber was hat das alles mit Behinderung zu tun? Alles und nichts, könnte man antworten. „Nichts“ insofern, als die Erkrankung noch nicht einmal unter einer einschlägigen Diagnoseziffer in das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders oder die International Stastitstical Classification of Diseases and Related Health Problems aufgenommen wurde – und sobald das der Fall ist, dann eben als Erkrankung, nicht als Behinderung. Ersteres ist ein vorwiegend in USA gebräuchlicher Kriterienkatalog für die Diagnose psychischer Erkrankungen, letzterer international gebräuchlich. In beiden Fällen ist sich die Fachwelt bislang noch nicht einig geworden, inwiefern die Erkrankung von der „einfachen“ Form PTSD oder PTBS abzugrenzen sei oder in welchen Punkten sich die Erkrankungsbilder ggf. überlappen. Auch die Abgrenzung von den zahlreichen Folge- bzw. Begleiterkrankungen, die mit der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung einhergehen oder ggf. ihre Einordung in diese Diagnosen scheint derzeit noch ein akademischer Zankapfel zu sein. Wiederkehrende Depressionen, generelle oder spezifische Angststörungen, bipolare Persönlichkeitsstörung, Borderline, Suchterkrankungen – all diese Krankheitsbilder tauchen im Zusammenhang mit (C-) PTSD auf bzw. können sich als sog. Komorbiditäten für den von C-PTSD betroffenen Patienten ausbilden.

Ich bin nach – wie erwähnt – massiver jahrelanger Recherche und inzwischen 50 Jahre persönlicher Betroffenheit als lange Zeit nicht diagnostizierter geschweige denn angemessen therapierter Patient Überlebender allerdings der Ansicht, dass die hier beschriebene Erkrankung „alles“ mit Behinderung zu tun hat bzw. Summe und Grad der diversen Symptomatiken – ja, Plural – Behinderungscharakter annehmen (hierfür spricht ja auch die Tatsache, dass die zum damaligen Zeitpunkt bekannten Diagnosen – allesamt Komorbiditäten, wie ich heute weiß – Berücksichtigung für meinen derzeitigen Behinderungsgrad von 50 fanden). Aus meiner Erfahrung und in den vergangenen Jahren intensivierten Beobachtung kann ich mit solider Grundlage und einiger Überzeugung ableiten, dass sowohl die „Einzelsymptomatiken“ der jeweils oben genannten Komorbiditäten oder Folgeerkrankungen als auch und vor allem die Summe an Einschränkungen, die sich daraus ergeben, zu einem Leidensdruck führen, der gesunden Menschen nur schwer oder gar nicht vermittelbar ist und der jeweils sehr tiefgreifende Einschränkungen bereits für alltägliche Verrichtungen wie beispielsweise die tägliche Anfahrt zur Arbeitsstätte mit sich bringt. Stellvertretend mag hier noch einmal ein sinngemässes Zitat der oben erwähnten Rachel Hope für ein konkretes Beispiel dienlich sein (weil so typisch für die vielen Begleiterscheinungen, die die Erkrankung mit sich bringt und so häufig auch von anderen Patienten berichtet): Sie schildert, dass sie im Verlauf ihrer mehrere Dekaden umfassenden Krankengeschichte u.a. auch mit dem sog. Reizdarmsyndrom diagnostiziert wurde (eines der vielen Symptome, das übrigens nach der Anwendung der MDMA-gestützten Psychotherapie schon nach dem ersten, einen Tag umfassenden Termin vollständig verschwunden war – auch noch Jahre nach der ersten Anwendung). Sie sagt, dass die mangelnde Kontrolle über bzw. Verlässlichkeit des Verdauungsapparat unschwer erkennbare Einschränkungen in vielen Lebenssituationen mit sich bringt, nicht zuletzt auch in intimen Beziehungen. Auch Nicht-Betroffene werden sich vermutlich ohne große Schwierigkeiten vorstellen können, wie wenig entspannt man gemeinsame Stunden geniessen kann, wenn Magen, Darm und das gesamte vegetative Nervensystem „verrückt“ spielen. „Morbus Coitus Interruptus“ könnte man nun humoristisch sagen :-). Für den oder die Betroffene ist es aber oft weniger lustig, im Gegenteil: Es ist beizeiten demütigend sich nicht auf den eigenen Körper und dessen Funktionen verlassen zu können bzw. potentiell peinliche „Eigenwilligkeit“ der Körperfunktionen befürchten zu müssen.

Perfider- und auch wieder typischerweise verweisen aber gerade und gerne Schulmediziner die berichteten Beschwerden der so Betroffenen in den Bereich „somatoforme Störungen“, einer an sich inhaltsleeren Floskel, die die Antwort auf die Frage nach einer „griffigen“ Diagnose letztlich schuldig bleibt. Stattdessen wird der oder die Hilfesuchende in Ermangelung einer schulmedizinisch darstellungsfähigen Diagnose erfahrungsgmäß gern implizit der Hypochondrie, also der eingebildeten Erkrankung, bezichtigt. Sicherlich machen es sich nicht alle Schulmediziner so einfach und es gibt dort sicher auch viele mitfühlende, aufmerksame, gut ausgebildete und am Menschen interessierte Ärzte (beispielsweise mit meiner Hausärztin seit 2005 darf ich diese überaus positive Erfahrung machen). Aber die Häufigkeit dieser (negativen) Erfahrung für Menschen, deren psychische Leiden mit massiven physischen Beeinträchtigungen einhergehen, ist doch frappierend. Denn was man nicht im Röntgenbild, Ultraschall oder im Kernspintomographen abbilden kann – existiert für Schulmediziner schlicht und ergreifend nicht (auch dieses Statement wiederum ein Resultat aus den vielen gescheiterten Versuchen, von irgendwoher adäquate Hilfe zu bekommen – nicht nur meine eigenen, sondern z.B. auch wieder bei der hier zitierten Rachel Hope und aufgrund weiterer, in den vergangen Jahren zuhauf gelesener oder per YouTube betrachteter Erfahrungsberichte). Ausgehend vom Reizdarmsyndrom als eine hier willkürlich herausgegriffene und häufig genannte Begleiterkrankung könnte man diese weniger offenkundigen Einschränkungen aber tendenziell als gesellschaftlich gebräuchliche Wahrnehmung extrapolieren: Symptome oder Symptomkreise, die der Arzt – schulmedizinischer Prägung – nicht nachweisen kann, entstammen entweder der Einbildung des Patienten oder seiner „Überempfindlichkeit“. Auch hier wiederum gibt Rachel Hope in ihrem ca. 30-minütigen Interview mit Amber Lyon „zu Protokoll“, dass sie eine jahrzehntelange Odyssee durch’s Gesundheitssystem hinter sich bringen musste, um schließlich zu guter Letzt bei 15 – fünfzehn! – verschiedenen Medikamenten anzukommen, die sie täglich zur Linderung ihrer Beschwerden einnehmen sollte – täglich und bis an ihr Lebensende! Sie gibt außerdem an, auch zahlreiche alternative oder holistische Angebote genutzt und versucht zu haben – ohne Erfolg. Erst die Therapie unter Einsatz von MDMA – umgangssprachlich als „Ecstasy“ bekannt – hat sie in ingesamt nur drei Sitzungen von ihrem jahrzehntelangen Leidensweg befreit. Sie gilt heute als geheilt.

Nun bin ich vermutlich der Gefahr erlegen, den in der Überschrift formulierten thematischen Kern zeitweise verlassen zu haben um den Sachverhalt in einen nachvollziehbaren Kontext zu setzen. Worum es mir in diesem Beitrag geht und ging ist folgendes: Behinderungen, die auch für Außenstehende sichtbar sind – darunter fallen zahlreiche Körperbehinderungen – sind in der gesellschaftlichen Wahrnehmung angekommen, nicht zuletzt aufgrund inzwischen jahrzehntelanger Kampagnen zur Bewußtseinsbildung in diesem Punkt, wie beispielsweise die „Aktion Mensch„. Die Idee, Menschen mit Behinderung eine möglichst barrierefreie Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen und nicht zuletzt eine Gleichstellung mit Menschen ohne Behinderung herbeizuführen, erfreut sich wachsender um nicht zu sagen: breiter Akzeptanz. Für psychische Erkrankungen gilt dies m.E. derzeit noch weniger – zumal deren jeweilige Natur äußerlich häufig nicht erkennbar ist und noch weniger Aussicht darauf besteht, dass diese für Menschen ohne diese Einschränkungen nachvollziehbar sind. Im Fall von C-PTSD plädiere ich stark dafür, diese als Behinderung in der Sozialgesetzgebung zu verankern, auch wenn nun zunehmend Aussicht darauf besteht, dass die Erkrankung zumindest über lange Strecken und nach Entwicklung und Zulassung neuartiger Therapieangebote beschwerdefrei bleiben kann (Langzeitstudien können natürlich aufgrund der wenigen bekannten Fälle bislang noch keine ausreichende Aussagekraft für sich erheben, obschon die federführende Organisation in diesem Forschungsumfeld MAPS.org solche Statistiken im Rahmen ihrer klinischen Studien regelmässig erhebt und große Erfolge gegenüber herkömmlichen Therapien für diese spezielle Erkrankung aufweisen kann).

„Was man nicht sieht, existiert nicht“, war meine bewusst provozierende Überschrift, die den persönlich erfahrenen und beobachtbaren Umstand überzeichnet, dass psychische Erkrankungen im Grad ihres jeweiligen Leidensdrucks m.E. von Nicht-Betroffenen häufig weit unterschätzt und als Weinerlichkeit, persönliche Schwäche oder ähnliche Defizite diskriminiert werden. Dieser Artikel ist als Beitrag intendiert, ein generelles Umdenken in diesem Bereich spezieller Erkrankungen zu befördern und für mehr Offenheit und Vorurteilsfreiheit gegenüber diesen und ähnlichen Erkrankungen zu werben. Ich halte das u.a. für wichtig, da ich davon ausgehe, dass die Gesellschaft in den kommenden Jahren sehr viel häufiger mit dem Thema Traumafolgestörungen konfrontiert sein wird, als das in der Vergangenheit der Fall war. Zum einen führe ich diese Überlegung auf die absehbaren bzw. bereits beobachten Folgen militärischer Beteiligung auch Deutschlands zurück, wo eine wachsende Zahl Truppenangehöriger mit den Folgen traumatisierender Erlebnisse im Kriegs- oder „friedenssichernden“ Einsatz konfrontiert ist (siehe z.B. hier und hier) und entsprechend versorgt werden muss. Zum anderen dürfte die Problematik unter Flüchtlingen aus Kriegsgebieten, Einwanderern aus Armutsgebieten und Überlebenden humanitärer Katastrophen ein zentrales Problem der Überführung in ein neues Dasein darstellen.


Video „Asylum of the Birds“ von Roger Ballen – SPIEGEL ONLINE

http://spon.de/vfKrw

Der Typ war schonmal hier – auf SPIEGEL Online – gefeatured – die Bilder haben eine albtraumhafte Eindrücklichkeit. Das Interview noch mehr. Weil – er den Finger mitten in die verdammte Wunde legt! Bewußtheit und innerer Friede sind unvereinbar. Soviel ist mir inzwischen klar. Innerer Friede geht nur mit Ignoranz. Oder Unschuld. Aber die ist ja schon lange, lange, laaaaanggeeee verlorengegangen. Wer schonmal für Geld gearbeitet hat – ist nicht mehr unschuldig. Macht Euch nichts vor.

Video „Asylum of the Birds“ von Roger Ballen – SPIEGEL ONLINE.


Ein Besuch an der Uni

 

Wot Eva

Wot Eva.

Also – da konnte ich nicht widerstehen und hab‘ mich im AppleStore über eins der dortigen Geräte zu einem „feiste-Fratzen“-Selfie hinreissen lassen! Das Unbehagen steht mir aber nach Rückmeldung einiger aufmerksamer Damen doch mehr oder weniger deutlich ins Gesicht geschrieben und so steht wohl zu befürchten, dass ich als Social-Media-„Hu-Meme“ nur bedingte Tauglichkeit mitbringe. Aber wer weiß – vielleicht kann ich mir das Facebook-typische „Ich bin toll, mein Leben ist ein einziger Traum, ich bin geil und erfolgreich“-Gesicht ja doch noch antrainieren. Über die Farbwahl meiner Garderobe werde ich möglicherweise dann auch nochmal nachdenken müssen.

Na, wie auch immer – der Anlass war ja weitaus ernsterer, wegweisender, visionärer Natur möchte man fast sagen: Ich hatte mich – ausgerechnet am Rosenmontag *facepalm*, *eye roll* – per öffentlichem Nahverkehrsmittel, das in München und drumherum „S-Bahn“ heißt, in die vor Narren und Närrinen tobende – nicht wirklich…. – Innenstadt begeben, um eine öffentliche Vorlesung der soziologischen Fakultät an der LMU  zum Thema nachhaltiges und bewußteres Konsumieren zu hören. Aufmerksam geworden war ich auf diese Veranstaltung durch einen kurzen TV-Auftritt von Raphael Fellmer bei einsfestival, der sich seit 2010 im Geldstreik befindet und lt. eigenen Angaben ohne Geld auskommt (und das sogar mit seiner Familie, also nicht nur als Einzelperson). Und da ja die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung – der Finger zeigt auf mich…. – auch nicht gerade die materielle Grundlage zu ausschweifendem Konsumieren oberhalb der unmittelbaren Überlebensbedürfnisse gemäß der Maslowschen Bedürfnispyramide bietet, erhoffte ich mir die Vorstellung einiger Modelle, wie man mit möglichst wenig Geld (gut) auskommt. Aber ich hätte eigentlich durch den Titel der Veranstaltung schon ausreichend gewarnt sein müssen: „Von der ökologischen Modernisierung zur ökologischen Zivilisierung? Chancen und Grenzen der Förderung nachhaltiger Konsummuster und Lebensstile. (Dr. Helge Jörgens, FU Berlin, Forschungsstelle für Umweltpolitik)“.

Hm. Ich muss da etwas ganz anderes mit dem Titel assoziiert haben – kreative Menschen haben das so an sich, dass sie sich Sachen ausdenken, die es gar nicht wirklich gibt…  Jedenfalls ging es  – ganz Geisteswissenschaft – um pragmatische Ansätze nicht oder nur am Rande. Ich sollte während des Vortrags verstehen, dass mit „Förderung“ eigentlich „Subventionierungsfähigkeit“ gemeint war und daran angelehnt die Frage, ob ein gesellschaftlicher Wandel weg vom Konsum“monster“ hin zu Genügsamkeit und Nachhaltigkeit, zu LOHAS und LOVOS, durch politische Eingriff steuerbar oder gar (monetär) förderungsfähig sei. Also ganz scham- und respektlos ausgedrückt wäre mir vermutlich die Schlußfolgerung, dass das gegenwärtige auf Profit und – unendliches? – Wachstum getrimmte Wirtschaftssystem mit Gedanken der Selbstbeschränkung – Suffizienz genannt – nicht kompatibel ist auch nach einem auf Ex getrunkenen Kasten Bier samt Hangover und Erbrechenskoma gelungen. Die Kohärenz der Veranstaltung zu ihrem Inhalt und insbesondere des Referenten wurde auch nicht unbedingt zwingender durch seinen Auftritt mit Apple Macbook Pro und feinem Zwirn, der wohl eher nicht aus dem Dritte-Welt-Laden zu fairen Preisen erstanden wurde. Da machten einige der versammelten Hörer_innen einen weitaus glaubwürdigeren Eindruck mit beispielsweise mitgebrachtem Tee aus Glasflaschen, Verzicht auf ethisch bedenkliche „Kriegsbemalung“ und – ich nehme mal an – mindestens zweit- oder drittgetragene Kleidung, die noch nicht weitflächige Einblicke bis auf die Haut ihrer Träger_innen bereitstellte.

Aber ich klinge schon wieder sauerampfiger als ich es eigentlich bin bzw. zu diesem Zeitpunkt war: Allein die Tatsache, mal wieder Bildungsluft zu schnuppern, dazu die Möglichkeit zu genießen, dies (fast) gänzlich kostenlos tun zu dürfen und nicht zu vergessen die Initiative der fakultätseigenen Dozent_innen, die dieses Zusatzseminar vermutlich gegen einige amtsschimmelige Widerstände anzubieten und zu organisieren geschafft haben, sind ein seltenes highlight in meinem reichlich eintönig gewordenen Leben. Und tatsächlich machte der Vortrag Lust auf mehr, also darauf, mehr zu diesem Thema zu erfahren, sich eventuell tatsächlich ein bißchen in die Materie einzuarbeiten und nach Möglichkeiten zu suchen, einen neuen, anderen, mehr Lebensqualität und Erfüllung versprechenden Lebensentwurf zu finden und dann idealerweise natürlich auch zu leben.

Das Fazit, das Hr. Dr. Jörgens zog, war allerdings nicht unbedingt der passionierte Weckruf eines engagierten Aktivisten. Momentan sei ein gezielter, auch durch politische Vorgaben beförderter Umdenkprozess kaum realisierbar, ja, die „grassroots“-Bewegung gar unvereinbar mit dem immer noch herrschenden Wirtschaftsmodell (und nicht zuletzt auch die einstmals „freie Lehre“ von ihm, dem herrschenden Wirtschaftsmodell mindestens teilweise abhängig). Der gesellschaftliche Wandel – inklusive eines umfassenden Wandels des Wertemodells – sei bestenfalls durch Vorleben individueller Lebensentwürfe zu schaffen, mit der Politik, die entsprechende Anreize und Rahmenbedingungen schafft oder gar Gesetzesvorlagen erlässt, sei hier eher nicht zu rechnen. Das scheint mir einzelne Wegbereiter wie z.B. Raphael Fellmer leider in eine ungesunde, von Marginalisierung bedrohte „Freak“-Ecke zu rücken. Dr. Jörgens sprach zwar auch von der beobachtbaren Ausprägung eines sich gesellschaftlich verankernden Schamgefühls angesichts krassen ökologischen Fehlverhaltens. Schuldig blieb er aber für mich die Frage, ob und inwiefen diese ökologisch bewußt gewählten Lebensstile Ausdruck von individueller Abgrenzung sind oder tatsächlich ein gesellschaftliches, potentiell neues Phänomen beschreiben. Dazu hätte ich mir durchaus mehr Zahlenmaterial gewünscht, etwa Studien zur Verteilung nach gesellschaftlichen Einkommensschichten, Geschlecht, Bildungsgrad usw. Da blieb es aber eher dünn bis spekulativ.

Nun ja. Ich wünschte, ich hätte Gelegenheit, die restlichen Veranstaltungen zu hören, um am Freitag bei der abschließenden Podiumsdiskussion mit genügend „Munition“ gefüttert zu sein. Vielleicht gehe ich aber einfach trotzdem hin, um mich möglicherweise direkt einmal mit Raphael Fellmer auszutauschen bzw. ihn eben im Rahmen der Diskussion etwas detaillierter zu erleben. Man wird sehen. Aber vorläufiges Fazit des heutigen Tages: Bildung macht Spaß!


Die Wahrheit über die Schweiz (und die EU) | Schnipselfriedhof

Der geilste Kommentar überhaupt zum Schweizer Zuzugsvotum und die Reaktionen aus der EU kommt für mich von Volker Strübing. Und ich finde, Menschen, die über 40 Jahre auf der anderen Seite der „Zuzugsschranke“ leben mussten, haben zweifellos mehr Kompetenz in Sachen Abschottung als die Vielzahl an selbsterklärten Experten, die auf einmal Bescheid wissen wollen. Erste Sahne – so geht (Real-) Satire: Finger direkt in die Wunde legen. Und wenn einer aufheult – gleich nochmal nachfassen. Aber lesen Sie selbst:

Die Wahrheit über die Schweiz (und die EU) | Schnipselfriedhof.


Es gibt keine Arbeitsplätze und es wird auch keine geben |

Warum überrascht mich das nicht mehr? Und warum überrascht mich auch die mentale Verweigerungshaltung der noch in Arbeit befindlichen nicht? Die Lösung heißt: Reduzieren von kognitiver Dissonanz.

Es gibt keine Arbeitsplätze und es wird auch keine geben |.


Auf der anderen Seite des Zauns

Unerwarteter-, aber dringenderweise musste ich heute in die City um einen Freund zu treffen. Normalerweise meide ich die Stadt wie der Teufel das Weihwasser. Heute aber ging’s nicht anders. Nach dem Termin hatte ich noch keine Lust, wieder nach Hause in meine Einöde und Einsamkeit zu fahren. Bin also an einem ganz gewöhnlichen, ziemlich ungemütlich verregneten und kalten Wochentag durch das Uni-Viertel spaziert. Erinnerungen an meine eigene Zeit als – später – Student wurden mir wieder bewußt. Die vielen Male, in denen ich abgehetzt zu irgendeiner Vorlesung kam, gerade noch auf den letzten Drücker rein, bevor der Dozent eintrat. Manchmal war er auch schon da und ich drückte mich mit einem unbeholfenen, gequälten, Entschuldigung signalisierenden Lächeln noch schnell in den Raum, zog die Tür leise hinter mir zu und schlich auf Zehenspitzen zu irgendeinem freien Platz. Die vielen Male, in denen ich zwischen zwei Vorlesungen Zeit totzuschlagen hatte. Häufig bin ich dann in den nahegelegenen Park gegangen, um ein bißchen Ruhe zu finden von der Geschäftigkeit des akademischen Geschehens und dessen unermüdlich scheinender Betriebsamkeit. Manchmal traf ich mich mit einer netten Kommilitonin und Kommilitonen, später dann immer gern mit meiner Herzensflamme, die schliesslich auch meine Frau wurde.

Ich schlendere also mehr oder minder gemütlich eingemummelt in Wintersachen und unter meinem Regenschirm durch die nassen Innenstadtbezirke, lausche dem Zischen der in gemässigtem Tempo vorbeifahrenden Autos – wenn es regnet haben alle immer gleich die Hosen voll und fahren 30 wo locker 50 oder 60 km/h gingen… – und hänge meinen Gedanken und Erinnerungen nach. Ich träume davon, wie ungeheuer motiviert und glücklich ich darüber war, in einer bereits gefühlten Lebensmitte nochmal einen gänzlich neuen Kurs einschlagen zu können, Möglichkeiten nutzen zu dürfen, die anderen Menschen in anderen Erdteilen niemals zugänglich sein werden. Ich war tatsächlich berauscht von dem Gedanken, die ganze Welt stünde mir offen!

Wie ich also die in der Dämmerung und dann schon bald in der Dunkelheit liegenden Nebenstraßen rund um akademische Einrichtungen entlangspaziere, fällt mein Blick hie und da in die Fenster der vielen Kneipen und Schnellrestaurants. Asiaten scheinen die Gastronomie in diesem Viertel zu dominieren, was keine große Überraschung ist bei Preisen, die man sonst nirgendwo findet. Ein Mittagsmenü für ca. 5,- – aus vermutlich lauter frischen und frisch zubereiteten Zutaten. Dazwischen traditionelle Cafés, Cafébars und eher rustikale Kneipen. Überall sitzen junge Menschen in Gruppen beieinander, die Scheiben von innen beschlagen. Und dann wird mir schlagartig bewußt, dass ich nicht mehr dazu gehöre. Nicht mehr zu diesen Kreisen und überhaupt nirgendwo mehr! Früher hätte ich möglicherweise das eine oder andere bekannte Gesicht aus irgendeinem Kurs entdeckt, mich vielleicht hinzugesellt, man tauscht mal eben gegenseitig Neuigkeiten aus, trinkt einen Cappuccino oder Latte Macchiato, ißt vielleicht eine Kleinigkeit, um dann gestärkt wieder in irgendeinen Hörsaal zu verschwinden. Plötzlich wird mir klar, wie ich dieses Leben geliebt habe und wie sehr ich es nun vermisse! Kaum kann ich den Drang beherrschen, einfach irgendwo einzutreten und mir auch einen Platz zu suchen, gleichsam so, als wäre ich einer dieser jungen Erwachsenen, die sich mit Ernst und Verantwortungsbewußtsein der Modellierung ihres Lebensweges widmen. Wie sehr möchte ich einer von Ihnen sein!

Stattdessen habe ich mir gerade etwas „Hilfe“ abgeholt, um die endlos lang erscheinenden verbleibenden zehn Tage des Monats irgendwie zu überbrücken, ohne wieder bei den Tafeln um abgelaufene Supermarktware anstehen zu müssen, umringt von Menschen, die auch keine Perspektive, keine Chance mehr haben und sich von den Almosen ernähren, die die Überfluß- und Konsumgesellschaft als Abfall betrachtet. Und da wird mir erneut schmerzhaft klar: Ich bin draußen! Ich bin nun schon seit Jahren kein Mitglied der Leistungsgesellschaft mehr, kein Mitglied von irgendwas, ohne echtes soziales Netz – im richtigen Leben, mal von den sozialen Medienplattformen abgesehen -, ich gehöre einfach nicht mehr dazu, wurde vergessen, ausgemustert, aussortiert. Oder ich selbst habe das gemacht. Kommt auf’s gleiche raus. Draußen sein tut weh. Jeder Blick durch eine dieser bis fast an den Boden reichenden Scheiben, hinter denen vergnügte, um diese Uhrzeit ausgelassene junge Menschen in geselliger Runde bei Abendessen und Getränk sitzen, mal in Gruppen, mal in Pärchen, ist ein gefühlter Dolchstroß mitten ins Herz an und hinterlässt einen Schmerz, der zu rufen scheint: „Du nicht! Du musst leider draußen bleiben!“ Was habe ich getan? Was hab‘ ich angestellt, dass ich nicht mehr dabei sein darf?

Dazu hab‘ ich Ideen, Theorien, Vermutungen. Aber egal. Ich muss einen Weg zurück finden. Egal wie und koste es, was es wolle. Nicht dazu zu gehören heißt tot sein. So einfach ist das. Wer draußen ist, ist schon tot. Früher oder später. Und das im tatsächlich wörtlichen Sinn in einer sich stetig häufenden Anzahl von Fällen.


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