Wenn es denn jemanden interessierte…

… könnte ich jetzt erzählen, dass ich am 01.11.2016 de facto ohne feste Obdach bin. Wie diese Situation vollständig ohne mein Verschulden und trotz aller Versuche sie abzuwenden sozusagen fest programmiert und selbst mit viel Aufwand und sogar Druck über einflussreiche Kontakte nicht zu vermeiden war. Wie ich ohne noch bestehende Familie und/oder Freunde, die mich nun bereitwillig mietfrei vorübergehend aufnehmen und solange bei sich wohnen lassen, bis ich wieder eine eigene oder eine Sozialwohnung beziehen kann, trotzdem mindestens meine Krankenversicherung verloren hätte, auf die ich aufgrund chronischer Krankheit und laufend notwendigen Bezug einiger teils teurer Medikamente angewiesen bin sowie auf weitere Leistungen, die chronisch gewordene Erkrankung behandeln oder wenigstens lindern. Ich könnte anmerken wie diese bei der Krankenversicherung dann auflaufenden Schulden meine 2017 anstehende und hoffentlich durchgehende Restschuldbefreiung im Zuge einer 2011 angemeldeten und dann ebenfalls mit keiner Eigenleistung mehr abzuwendene Insolvenz gefährden oder eben kippen würden, weil die Forderungen der Krankenversicherung selbst bei Aufnahme von Arbeit – was ich in geringfügigem Umfang immer wieder getan haben – nicht aufzufangen sind (da sich der Staat die Hinzuverdienste zu 70% einbehält und die eigentlich mir zustehenden restlichen 30% für Transport, Mahlzeiten oder auch Dinge wie Büromaterial, Strom, Internet und ähnliches draufgehen).

Wenn es irgendwen auch nur im Ansatz interessierte, könnte ich desweiteren darüber schreiben, wie meine eigene Erfahrung stellvertretend für die vielen tausend weiteren Menschen im Deutschland des Jahres 2016 ist, von denen auch nie jemand erfahren wird oder erfahren hat, weil viele Menschen in meiner Situation bereits vollständig isoliert, häufig alkoholkrank, vielleicht anderweitig krank oder gar mit Behinderung versehen sind, den Lücken des Systems und ebenfalls beizeiten beobachtbarer Behördenwillkür schutz- und rechtlos ausgeliefert und weil Geschichten über die Abgehängten in unserer Gesellschaft, die Alten, die Kranken nunmal kein „Aufreger-Content“ sind, folglich also keine Auflage bei den Mainstream-Medien machen.

Wenn ich glaubte, dass es irgendwen auch nur ein bißchen kratzte, könnte ich jetzt massig Zahlenmaterial finden und beilegen, das wenig bis keinen Zweifel daran lässt, dass ich nicht nur jammere oder dramatisiere oder einfach nur Aufmerksamkeit will, sondern dass die sogenannten „Sicherungssysteme“ im Deutschland des Jahres 2016 einfach nicht funktionieren, nicht funktionieren können, jedenfalls nicht nachhaltig und schon gar nicht für die immer weiter wachsende Zahl von Menschen, die ihre Arbeit aufgrund von Automatisierung und Digitalisierung, immer drastischeren Personalkürzungen wg. unerbittlichen Profitdrucks verlieren, krank werden oder im schlimmsten Fall beides. Sie geraten – wie auch ich vor inzwischen 10 Jahren – in einen Abwärtsstrudel, der je nach unmittelbar vorangehenden Lebensumständen mal gemächlicher, mal schneller dreht, irgendwann aber unbewältigbar wird, zu Zahlungsverzügen führt, die häufig ineffizienten bis quälend lahmarschigen Behördenabläufe inklusive auch dort der kaum vermeidbaren Störungen wie Personalmangel, urlaubs- oder krankheitsbedingten Ausfällen mit sach- und „fall“fremden Vertretungen oder hie und da auch schlichter Inkompetenz geschuldet sind und zu weiteren „Säumnissen“ klientenseitig führen, die jener zwar nicht zu vertreten hat, aber einfach der letzte in der Reihe ist, den dann die „Hunde“ (Gläubiger) beißen.

Wenn es jemand interessierte, könnte ich anmerken, dass die letzten Abschnitte solch ähnlich unglücklicher Lebensläufe in der Regel nicht aus Faulheit, Dummheit, mangelnder Bildung oder gar Bequemlichkeit resultieren, sondern nach meiner Beobachtung und inzwischen 10 Jahren Erfahrung und Recherche eine mittelbare Folge eines entfesselten Neo-Liberalismus‘ und quasi-feudalistischen, weltweit herrschenden Kapitalsystems sind, wo letzteres den Menschen, die die Wirtschaftsleistung schlußendlich erbringen die Bedingungen knallhart aufzwingt und inzwischen sogar die Politik – ursprünglich mal Repräsentanten des sogenannten Volks – kujoniert und erpresst. Würde es irgendwen wirklich interessieren, würde ich mein Essay mit einer Tonne von Quellen untermauern, die diese Aussagen ganz nüchtern in Zahlen ausdrücken.

Zahlen… interessieren aber wiederum mich einen feuchten Kehricht, wenn die eingetretene Lebensrealität so aussieht, dass ich keinen Schritt mehr in eigener Entscheidung tun kann oder kein Ausweg aus dieser Situation erkennbar ist bzw. sich auch mit viel Rechercheeinsatz nicht finden liess, weil es ihn… offenbar gar nicht gibt? (Ich habe jedenfalls nach inzwischen vier Jahren mehr oder minder unentwegter Suche keinen gefunden und auch von den eigentlichen zuständigen Fachstellen und Mitarbeitern keinen Tipp bekommen, sondern eher hinter vorgehaltener Hand geflüsterte Empfehlungen wie z.B. „dann müssen sie vorübergehend etwas unters Kopfkissen legen“ und ähnliche zielführende Expertenratschläge…) Und selbst wenn ich diese unschöne bis beizeiten unerträgliche Tatsache hinnehme, mir die Situation als eine nur vorübergehend schönrede und meiner im unnachahmlich sperrigen Amtsdeutsch eingeforderten Mitwirkungspflicht in allen Punkten immer sofort und umfassend nachkomme, wenn ich also „nach deren Pfeife tanze“ und die bösen Regeln eben hinnehme – selbst dann funktioniert die „Grundsicherung“ auf Dauer nicht, wie der jetzt nötige Umzug von einem Landkreis in einen anderen auf die harte Tour deutlich macht. (dem ging Kündigung wg. Eigenbedarf voraus)

Aber weil es niemand wirklich wissen will, belasse ich es bei diesen Andeutungen und der nun erlebten Erkenntnis, dass der sog. Sozialstaat ein Mythos ist. Und dieser Staat mit seinen Regeln hätte mir am 01.11.2016 unabwendbar ein Leben auf der Straße beschert – nach immerhin ca. 35 Jahren Erwerbstätigkeit mit teils sattsamen Steuerzahlungen und erzwungener Vernichtung aller Ersparnisse. Was mir heute schon aufgrund von gesundheitsbedingtem Vor“ruhe“stand widerfährt, werden alle Gering- und Normalverdiener im Rentenalter ebenfalls erleben, sofern sie nicht Nutzniesser einer Erbschaft in mindestens Millionenhöhe werden. Und das – will dann erst recht keiner mehr wissen. Danke für den Mist, den ihr – Schulsystem, Regierungsvertreter, öffentliche Organisationen, Medien – uns die ganzen Jahrzehnte erzählt habt…

Nachtrag: An meine Leser und Freunde, die sich jetzt Sorgen machen: Für den Augenblick habe ich zum Glück eine Zwischenlösung gefunden. Mein herzlichster Dank geht an jene, die mir – entweder schonmal in der Vergangenheit oder auch anlässlich dieses Eintrags – Unterschlupf bei sich angeboten haben – ihr seid toll! Danke! Ich lasse die Geschichte aber dennoch hier so stehen, weil ich sie u.a. auch – bzw. sogar vorwiegend – deshalb geschrieben habe um mal ein Schlaglicht darauf zu werfen, wie das hier laufen kann – und für immer mehr Menschen auch „läuft“ – und um in meinem kleinen Rahmen zu einer Bewußtseinsänderung in der Bevölkerung beizutragen. Ich bin nicht naiv und weiß und habe erfahren, dass das wie ein Kämpfen gegen Windmühlenflügel ist und manche gleich vorher kapitulieren (und der Kampf mit dem System schlägt sowieso jedem Faß den Boden aus; ich kann mir vorstellen, dass da auch die Zähesten – und zu denen zähle ich mich mal ganz unbescheiden – irgendwann einfach nicht mehr können, wenn von allen Seiten ultimative existentielle Bedrängnis aufgenötigt wird.) Aber ohne Rückkehr zu mehr Solidarität untereinander, ja auch zu Gemeinschaft und vor allem zur Vertretung gemeinsamer Interessen bleibt das sehr, sehr böse für viele Menschen. Und das muss doch überhaupt nicht sein, 0der? Eben. 🙂

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Über renovatio06

Former pro-musician, followed by 20 years in the IT(C) industry, coming back to music & words. Zeige alle Beiträge von renovatio06

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