Kino. Kälte. Kapitulation.

München, Donnerstagnacht am 06.10.2016, ca. 00.30h. Ich war am Nachmittag im #justmusic nahe des nun traurig berühmt gewordenen Olympia-Einkaufszentrums und habe den #maschine_jam-Launch Event der Firma Native Instruments besucht (als Ausdruck von Tagträumerei in der verzweifelt selbst-suggerierten Vorstellung ich gehörte noch in diese Welt der Musik und/oder Technologie), mir dann anschließend seit langem mal wieder Kino gegönnt und #snowden_the_movie im #Atelier München im OmU angeschaut. Dann kleiner Spaziergang über die Sonnenstr. Ost, Kehrtwende auf Höhe Hieber-Lindberg zurück über Stachus bis etwa. BWM Pavillion, dann auf der anderen Seite wieder zurück. Es ist kalt, so um die 7° oder 8°, es weht ein kalter Wind und ich gehe raschen Schrittes um mich aufzuwärmen (Jeans, T-Shirt, Baumwoll-Rolli, Fleecejacke, Winter-Boots). Im Künstlerhaus am Lenbachplatz ist offenbar was los und schräg gegenüber im Heart Bar und Restaurant scheint die Party der Geräuschkulisse nach zu schließen in vollem Gang zu sein.
Kurz vor dem Matthäser passiere ich den Prachtbau des Justizministeriums und Landgerichts, im Volksmund „Justizpalast“ genannt (prächtig wirkte er auf mich noch nie, eher furchteinflössend und mindestens deprimierend, vor allem wenn man sich einen Teil seiner Geschichte in Erinnerung ruft: Die Geschwister Scholl, Gründer und Anführer der Aktivistengruppe Weiße Rose, wurden dort zu Zeiten Hitlers und der Nazis zum Tode verurteilt). Auf den Stufen und in den Eingängen – wie auch schon vorher in Nähe des Stachus‘ und in den rückversetzten und somit windgeschützten Eingängen rund um den Burger King auf der gegenüberliegenden Seite – haben überall Obdachlose in ihren arktistauglichen Schlafsäcken „Nacht“quartier bezogen – vermutlich aber nicht für die ganze Nacht, sondern nur für ein paar Stunden, dann werden Ordnungsamt oder Polizei sie wohl vertreiben. Ich selbst habe nur aufgrund glücklicherer Umstände an diesem Tag das Taschengeld zur Verfügung um mir das Obige als absolut seltene Ausnahme und Glanzlicht eines ansonsten ebenfalls reichlich tristen Daseins leisten zu können. Dieser Luxus sowie die Tatsache noch ein Dach über dem Kopf, Warmwasser, Heizung und Essen sowie Krankenversicherung zu haben trennt mich meilen- oder gar galaxienweit von diesen armen Menschen, die sich mental wohl bereits auf die ersten Frostnächte vorbereiten (weniger mental denn durch Betteln tagsüber und Alkohol kaufen, nehme ich an, damit der ganze Wahnsinn überhaupt irgendwie „erträglich“ wird). Ich friere auch, aber nur kurz und in dem Bewußtsein, dass ich in eine warme, gemütliche Wohnung mit gefülltem Kühlschrank zurückkehre (die ich aber auch nur noch bis Ende dieses Monats habe und dann ist erstmal großes Fragezeichen im Hinblick darauf, ob und wie es weitergeht….). Der Kinofilm ist ob dieses Anblicks und dieser Gedanken beinahe vergessen, spätestens aber beim Erblicken dieser Szene: Inmitten all der Mumienschlafsäcke sitzt er: Ein Asiate, zusammengekauert unter einer dünnen Decke, die so klein ist, dass sie vorne nicht richtig schließt und den Blick auf nackte Füße in Sandalen freigibt. Zyniker – oder Realisten? – werden sicherlich gleich „Inszenzierung“ sagen. Nicht auszuschließen leider, ja, siehe z.B. hier und hier, um nur mal zwei Beispiele herauszugreifen. Aber dann: Wirklich? Am frühen Morgen an einem Wochentag, ca. 20 m weit vom Bürgersteig entfernt im Halbdunkel, in einer Entfernung also, wo man bequem wegschauen und vorgeben kann das kleine frierende Männchen gar nicht gesehen zu haben? Ich bin erstmal fassunglos ob seiner Bekleidung, will aber in meiner Rat- und Hilflosigkeit zunächst auch weitergehen und mir einreden, da stimme was nicht, will mir meine eigene Notlage als „Entschuldigung“ für meine Hartherzigkeit schönreden. Zu guter Letzt halte ich dann aber doch inne, gehe zurück und eile die 20 m vom Bürgersteig auf die kleine freitreppenartige Empore zu während ich in meinem Portemonnaie nach Euromünzen krame. Ich habe nur noch eine und der Zehner, der ansonsten noch in meinem Geldbeutel steckt, ist für das S-Bahn-Ticket reserviert. Also lege ich halt einigermassen peinlich berührt den Euro neben ihn auf den nackten Granit und murmele auf Englisch „that’s all I got right now“ während ich im Erdboden versinken möchte… Wirklich?! Ein Euro? Was soll er denn damit anfangen?! Gleich am kommenden Morgen in eine der sündteueren Bäckereien am Bahnhof gehen und Frühstück für alle einkaufen?! Einen bekackten Euro ist mir das Vergessen wert?! Kann ich nicht nochmal eine Extrarunde zum Geldautomaten am Sendlinger Tor drehen, dort ’nen Fünfziger abheben und ihm den zustecken? Nein, kann ich wirklich nicht. Denn den Fünfziger werde ich brauchen um wenigstens beim Abtransport meiner Möbel und restlichen Haushalts anwesend sein zu können, wo immer der Krempel dann auch hingeht… (an dem ich nicht hänge, dessen Entsorgung aber auch mit Kosten verbunden wäre, die ich nicht decken kann)
Spätestens in dem Moment teilen wir wieder ein ähnliches Schicksal, der mir unbekannte Asiate, der vielleicht die Nacht nicht übersteht – man kann auch bei Plusgraden aufgrund von Unterkühlung erfrieren, wie ich einmal in einem Fachartikel zu dem Thema lesen musste – und ich. Er, in eine dünne Decke gehüllt, halb nackt und allein in einer ihm fremden Welt. Ich, noch nicht nackt, noch nicht erfrierend, aber ebenfalls in einer mir völlig fremden Welt, die ich betreten zu müssen nie für möglich gehalten hätte. Beide blicken wir perspektivlos in eine uns gänzlich unbekannte Zukunft. Nur eines ist sicher: Ob wir das überstehen bzw. überleben kümmert den Rest der Gesellschaft einfach nicht. Es ist kalt, Kino ist schon vergessen – und ich kapituliere.
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Über renovatio06

Former pro-musician, followed by 20 years in the IT(C) industry, coming back to music & words. Zeige alle Beiträge von renovatio06

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