Die Demütigungsmaschine

Warum nur wählt jemand freiwillig die Obdachlosigkeit? Diese Entscheidung konnte ich früher nie nachvollziehen, obwohl ich von Menschen gehört hatte, die die Ihnen zustehenden Sozialleistungen freiwillig ausschlagen. Allmählich beginnt mir zu dämmern, warum manche Menschen sich für die härteste aller möglichen Daseinsformen in der westlichen Welt entscheiden: Weil sie sich zusätzlich zum Verlust ihres Arbeitsplatzes, ihrer Gesundheit, ihrer Ersparnisse nicht noch obendrein die Demütigung des System zumuten wollen, das mit jeder „Leistung“ im- oder explizit ein „Du bist uns nicht mehr wert als das“ mit dazugibt. Ohne (finanzielle) Mehrkosten sozusagen. Wenn man ganz unten ist, kann man genau eine Sache nicht auch noch gebrauchen: Dass noch ordentlich nachgetreten wird bei jeder „Zuwendung“ des Systems. Allmählich wird mir das immer klarer.

Nun habe ich also nach Jahren gesundheitlich bedingter 100%-iger Erwerbsminderung den Versuch gewagt, etwas Hinzuverdienst zu erwirtschaften. Die Kontakte kamen von einem wohlmeinenden und pragmatisch veranlagten Freund, der mir den Kontakt zu einer Casting Agentur für Komparsenrollen mitteilte. Wurde nun für drei Tage a 75,- plus ggf. Mehraufwand gebucht. Da die abrechnende Produktionsfirma Steueridentifikationsnummer und Bankverbindung wollte, war mir das potentielle Verschweigen dieses ohnehin moderaten Hinzuverdienstes zu riskant. Hab‘ also brav „Meldung gemacht“: Beim Sozialamt, bei der Rentenversicherung, beim Insolvenzverwalter. „Bestes“ aller möglichen Szenarien: Ich behalte 30% des Verdienstes, also ein Taschengeld, und ansonsten ändert sich nichts. Worst case, schlimmste Konsequenz: Insolvenzverwalter und Rentenversicherung und Sozialamt beanspruchen alle gleichzeitig den moderaten Hinzuverdienst und scheren sich nicht drum, dass die jeweils andere Institution schon zugelangt hat. Im Klartext: Ein verdienter Euro müsste dreimal ausgegeben werden können. Geht nicht, schon klar, oder? Bin gespannt…

Aber: Die Ankündigung des (dann bereinigten?) Hinzuverdienstes beim Insolvenzverwalter hat nun erbracht, dass sie gesetztlich dazu verpflichtet sind, den Auftraggeber/Arbeitgeber anzuschreiben und über meine laufende Insolvenz zu informieren. Es klingt für mich nicht so, als ob damit irgendeine Art von Bringschuld seitens des Arbeit-/Auftraggebers verbunden sein wird. Ein vorsichtiges Nachfragen hat aber schon anklingen lassen, dass die das eventuell anders interpretieren werden. Was dann wiederum bedeuten wird, dass die mich vermittelnde Agentur mit Rückfragen belastet werden dürfte. Die Agentur – eine one-woman-show – hat schon bis über beide Ohren damit zu tun, den „Sack Flöhe“ an Komparsen und Kleindarstellern sowie auf der anderen Seite Produktionsfirmen zu hüten, der ihr vermutlich täglich die mühevoll zusammengebastelte Planung zerschiesst. Und nun komme ich daher und brate Extrawürste… Preisfrage: Wieviel Buchungen werde ich da wohl noch bekommen….?

Keine Ahnung, ob ich die Ansprechpartnerin bei der Castingagentur in guter Stimmung erwische und ob meine Verhandlungsdiplomatie ausreicht, die Wogen zu glätten. Im Moment sieht es für mich – mal wieder! – so aus, als würde jeglicher Versuch, wieder in Arbeit zu kommen, auf’s Schärfste und Bitterste bestraft werden….

Deutschland, Du Kackland! (Und: Ja! Natürlich weiss ich wohl, dass es andernorts noch schlimmer ist. Und was lernen wir daraus: Du bist einen Scheiß wert!)

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Über renovatio06

Former pro-musician, followed by 20 years in the IT(C) industry, trying to return to music & words. Zeige alle Beiträge von renovatio06

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