Ein Besuch an der Uni

 

Wot Eva

Wot Eva.

Also – da konnte ich nicht widerstehen und hab‘ mich im AppleStore über eins der dortigen Geräte zu einem „feiste-Fratzen“-Selfie hinreissen lassen! Das Unbehagen steht mir aber nach Rückmeldung einiger aufmerksamer Damen doch mehr oder weniger deutlich ins Gesicht geschrieben und so steht wohl zu befürchten, dass ich als Social-Media-„Hu-Meme“ nur bedingte Tauglichkeit mitbringe. Aber wer weiß – vielleicht kann ich mir das Facebook-typische „Ich bin toll, mein Leben ist ein einziger Traum, ich bin geil und erfolgreich“-Gesicht ja doch noch antrainieren. Über die Farbwahl meiner Garderobe werde ich möglicherweise dann auch nochmal nachdenken müssen.

Na, wie auch immer – der Anlass war ja weitaus ernsterer, wegweisender, visionärer Natur möchte man fast sagen: Ich hatte mich – ausgerechnet am Rosenmontag *facepalm*, *eye roll* – per öffentlichem Nahverkehrsmittel, das in München und drumherum „S-Bahn“ heißt, in die vor Narren und Närrinen tobende – nicht wirklich…. – Innenstadt begeben, um eine öffentliche Vorlesung der soziologischen Fakultät an der LMU  zum Thema nachhaltiges und bewußteres Konsumieren zu hören. Aufmerksam geworden war ich auf diese Veranstaltung durch einen kurzen TV-Auftritt von Raphael Fellmer bei einsfestival, der sich seit 2010 im Geldstreik befindet und lt. eigenen Angaben ohne Geld auskommt (und das sogar mit seiner Familie, also nicht nur als Einzelperson). Und da ja die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung – der Finger zeigt auf mich…. – auch nicht gerade die materielle Grundlage zu ausschweifendem Konsumieren oberhalb der unmittelbaren Überlebensbedürfnisse gemäß der Maslowschen Bedürfnispyramide bietet, erhoffte ich mir die Vorstellung einiger Modelle, wie man mit möglichst wenig Geld (gut) auskommt. Aber ich hätte eigentlich durch den Titel der Veranstaltung schon ausreichend gewarnt sein müssen: „Von der ökologischen Modernisierung zur ökologischen Zivilisierung? Chancen und Grenzen der Förderung nachhaltiger Konsummuster und Lebensstile. (Dr. Helge Jörgens, FU Berlin, Forschungsstelle für Umweltpolitik)“.

Hm. Ich muss da etwas ganz anderes mit dem Titel assoziiert haben – kreative Menschen haben das so an sich, dass sie sich Sachen ausdenken, die es gar nicht wirklich gibt…  Jedenfalls ging es  – ganz Geisteswissenschaft – um pragmatische Ansätze nicht oder nur am Rande. Ich sollte während des Vortrags verstehen, dass mit „Förderung“ eigentlich „Subventionierungsfähigkeit“ gemeint war und daran angelehnt die Frage, ob ein gesellschaftlicher Wandel weg vom Konsum“monster“ hin zu Genügsamkeit und Nachhaltigkeit, zu LOHAS und LOVOS, durch politische Eingriff steuerbar oder gar (monetär) förderungsfähig sei. Also ganz scham- und respektlos ausgedrückt wäre mir vermutlich die Schlußfolgerung, dass das gegenwärtige auf Profit und – unendliches? – Wachstum getrimmte Wirtschaftssystem mit Gedanken der Selbstbeschränkung – Suffizienz genannt – nicht kompatibel ist auch nach einem auf Ex getrunkenen Kasten Bier samt Hangover und Erbrechenskoma gelungen. Die Kohärenz der Veranstaltung zu ihrem Inhalt und insbesondere des Referenten wurde auch nicht unbedingt zwingender durch seinen Auftritt mit Apple Macbook Pro und feinem Zwirn, der wohl eher nicht aus dem Dritte-Welt-Laden zu fairen Preisen erstanden wurde. Da machten einige der versammelten Hörer_innen einen weitaus glaubwürdigeren Eindruck mit beispielsweise mitgebrachtem Tee aus Glasflaschen, Verzicht auf ethisch bedenkliche „Kriegsbemalung“ und – ich nehme mal an – mindestens zweit- oder drittgetragene Kleidung, die noch nicht weitflächige Einblicke bis auf die Haut ihrer Träger_innen bereitstellte.

Aber ich klinge schon wieder sauerampfiger als ich es eigentlich bin bzw. zu diesem Zeitpunkt war: Allein die Tatsache, mal wieder Bildungsluft zu schnuppern, dazu die Möglichkeit zu genießen, dies (fast) gänzlich kostenlos tun zu dürfen und nicht zu vergessen die Initiative der fakultätseigenen Dozent_innen, die dieses Zusatzseminar vermutlich gegen einige amtsschimmelige Widerstände anzubieten und zu organisieren geschafft haben, sind ein seltenes highlight in meinem reichlich eintönig gewordenen Leben. Und tatsächlich machte der Vortrag Lust auf mehr, also darauf, mehr zu diesem Thema zu erfahren, sich eventuell tatsächlich ein bißchen in die Materie einzuarbeiten und nach Möglichkeiten zu suchen, einen neuen, anderen, mehr Lebensqualität und Erfüllung versprechenden Lebensentwurf zu finden und dann idealerweise natürlich auch zu leben.

Das Fazit, das Hr. Dr. Jörgens zog, war allerdings nicht unbedingt der passionierte Weckruf eines engagierten Aktivisten. Momentan sei ein gezielter, auch durch politische Vorgaben beförderter Umdenkprozess kaum realisierbar, ja, die „grassroots“-Bewegung gar unvereinbar mit dem immer noch herrschenden Wirtschaftsmodell (und nicht zuletzt auch die einstmals „freie Lehre“ von ihm, dem herrschenden Wirtschaftsmodell mindestens teilweise abhängig). Der gesellschaftliche Wandel – inklusive eines umfassenden Wandels des Wertemodells – sei bestenfalls durch Vorleben individueller Lebensentwürfe zu schaffen, mit der Politik, die entsprechende Anreize und Rahmenbedingungen schafft oder gar Gesetzesvorlagen erlässt, sei hier eher nicht zu rechnen. Das scheint mir einzelne Wegbereiter wie z.B. Raphael Fellmer leider in eine ungesunde, von Marginalisierung bedrohte „Freak“-Ecke zu rücken. Dr. Jörgens sprach zwar auch von der beobachtbaren Ausprägung eines sich gesellschaftlich verankernden Schamgefühls angesichts krassen ökologischen Fehlverhaltens. Schuldig blieb er aber für mich die Frage, ob und inwiefen diese ökologisch bewußt gewählten Lebensstile Ausdruck von individueller Abgrenzung sind oder tatsächlich ein gesellschaftliches, potentiell neues Phänomen beschreiben. Dazu hätte ich mir durchaus mehr Zahlenmaterial gewünscht, etwa Studien zur Verteilung nach gesellschaftlichen Einkommensschichten, Geschlecht, Bildungsgrad usw. Da blieb es aber eher dünn bis spekulativ.

Nun ja. Ich wünschte, ich hätte Gelegenheit, die restlichen Veranstaltungen zu hören, um am Freitag bei der abschließenden Podiumsdiskussion mit genügend „Munition“ gefüttert zu sein. Vielleicht gehe ich aber einfach trotzdem hin, um mich möglicherweise direkt einmal mit Raphael Fellmer auszutauschen bzw. ihn eben im Rahmen der Diskussion etwas detaillierter zu erleben. Man wird sehen. Aber vorläufiges Fazit des heutigen Tages: Bildung macht Spaß!

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Über renovatio06

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