Auf der anderen Seite des Zauns

Unerwarteter-, aber dringenderweise musste ich heute in die City um einen Freund zu treffen. Normalerweise meide ich die Stadt wie der Teufel das Weihwasser. Heute aber ging’s nicht anders. Nach dem Termin hatte ich noch keine Lust, wieder nach Hause in meine Einöde und Einsamkeit zu fahren. Bin also an einem ganz gewöhnlichen, ziemlich ungemütlich verregneten und kalten Wochentag durch das Uni-Viertel spaziert. Erinnerungen an meine eigene Zeit als – später – Student wurden mir wieder bewußt. Die vielen Male, in denen ich abgehetzt zu irgendeiner Vorlesung kam, gerade noch auf den letzten Drücker rein, bevor der Dozent eintrat. Manchmal war er auch schon da und ich drückte mich mit einem unbeholfenen, gequälten, Entschuldigung signalisierenden Lächeln noch schnell in den Raum, zog die Tür leise hinter mir zu und schlich auf Zehenspitzen zu irgendeinem freien Platz. Die vielen Male, in denen ich zwischen zwei Vorlesungen Zeit totzuschlagen hatte. Häufig bin ich dann in den nahegelegenen Park gegangen, um ein bißchen Ruhe zu finden von der Geschäftigkeit des akademischen Geschehens und dessen unermüdlich scheinender Betriebsamkeit. Manchmal traf ich mich mit einer netten Kommilitonin und Kommilitonen, später dann immer gern mit meiner Herzensflamme, die schliesslich auch meine Frau wurde.

Ich schlendere also mehr oder minder gemütlich eingemummelt in Wintersachen und unter meinem Regenschirm durch die nassen Innenstadtbezirke, lausche dem Zischen der in gemässigtem Tempo vorbeifahrenden Autos – wenn es regnet haben alle immer gleich die Hosen voll und fahren 30 wo locker 50 oder 60 km/h gingen… – und hänge meinen Gedanken und Erinnerungen nach. Ich träume davon, wie ungeheuer motiviert und glücklich ich darüber war, in einer bereits gefühlten Lebensmitte nochmal einen gänzlich neuen Kurs einschlagen zu können, Möglichkeiten nutzen zu dürfen, die anderen Menschen in anderen Erdteilen niemals zugänglich sein werden. Ich war tatsächlich berauscht von dem Gedanken, die ganze Welt stünde mir offen!

Wie ich also die in der Dämmerung und dann schon bald in der Dunkelheit liegenden Nebenstraßen rund um akademische Einrichtungen entlangspaziere, fällt mein Blick hie und da in die Fenster der vielen Kneipen und Schnellrestaurants. Asiaten scheinen die Gastronomie in diesem Viertel zu dominieren, was keine große Überraschung ist bei Preisen, die man sonst nirgendwo findet. Ein Mittagsmenü für ca. 5,- – aus vermutlich lauter frischen und frisch zubereiteten Zutaten. Dazwischen traditionelle Cafés, Cafébars und eher rustikale Kneipen. Überall sitzen junge Menschen in Gruppen beieinander, die Scheiben von innen beschlagen. Und dann wird mir schlagartig bewußt, dass ich nicht mehr dazu gehöre. Nicht mehr zu diesen Kreisen und überhaupt nirgendwo mehr! Früher hätte ich möglicherweise das eine oder andere bekannte Gesicht aus irgendeinem Kurs entdeckt, mich vielleicht hinzugesellt, man tauscht mal eben gegenseitig Neuigkeiten aus, trinkt einen Cappuccino oder Latte Macchiato, ißt vielleicht eine Kleinigkeit, um dann gestärkt wieder in irgendeinen Hörsaal zu verschwinden. Plötzlich wird mir klar, wie ich dieses Leben geliebt habe und wie sehr ich es nun vermisse! Kaum kann ich den Drang beherrschen, einfach irgendwo einzutreten und mir auch einen Platz zu suchen, gleichsam so, als wäre ich einer dieser jungen Erwachsenen, die sich mit Ernst und Verantwortungsbewußtsein der Modellierung ihres Lebensweges widmen. Wie sehr möchte ich einer von Ihnen sein!

Stattdessen habe ich mir gerade etwas „Hilfe“ abgeholt, um die endlos lang erscheinenden verbleibenden zehn Tage des Monats irgendwie zu überbrücken, ohne wieder bei den Tafeln um abgelaufene Supermarktware anstehen zu müssen, umringt von Menschen, die auch keine Perspektive, keine Chance mehr haben und sich von den Almosen ernähren, die die Überfluß- und Konsumgesellschaft als Abfall betrachtet. Und da wird mir erneut schmerzhaft klar: Ich bin draußen! Ich bin nun schon seit Jahren kein Mitglied der Leistungsgesellschaft mehr, kein Mitglied von irgendwas, ohne echtes soziales Netz – im richtigen Leben, mal von den sozialen Medienplattformen abgesehen -, ich gehöre einfach nicht mehr dazu, wurde vergessen, ausgemustert, aussortiert. Oder ich selbst habe das gemacht. Kommt auf’s gleiche raus. Draußen sein tut weh. Jeder Blick durch eine dieser bis fast an den Boden reichenden Scheiben, hinter denen vergnügte, um diese Uhrzeit ausgelassene junge Menschen in geselliger Runde bei Abendessen und Getränk sitzen, mal in Gruppen, mal in Pärchen, ist ein gefühlter Dolchstroß mitten ins Herz an und hinterlässt einen Schmerz, der zu rufen scheint: „Du nicht! Du musst leider draußen bleiben!“ Was habe ich getan? Was hab‘ ich angestellt, dass ich nicht mehr dabei sein darf?

Dazu hab‘ ich Ideen, Theorien, Vermutungen. Aber egal. Ich muss einen Weg zurück finden. Egal wie und koste es, was es wolle. Nicht dazu zu gehören heißt tot sein. So einfach ist das. Wer draußen ist, ist schon tot. Früher oder später. Und das im tatsächlich wörtlichen Sinn in einer sich stetig häufenden Anzahl von Fällen.

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Über renovatio06

Former pro-musician, followed by 20 years in the IT(C) industry, coming back to music & words. Zeige alle Beiträge von renovatio06

4 responses to “Auf der anderen Seite des Zauns

  • allesinklein

    Man ist niemals wirklich „draußen“, denke ich. Irgendeine Verbindung gibt es immer. Ich hab gestern ja ein bisschen auf die digitale Welt geschimpft, aber auch sie kann eine Verbindung sein.

    Ein schöner nachdenklicher Text!

    Übrigens: Im Sommer ist alles wieder anders. Der Sommer ist bunt, warm und herzlich. Dann sitzen alle wieder draußen. Und du bist mittendrin. Wir brauchen definitiv mehr Sommer im Herzen.

    • renovatio06

      Ja, schon richtig. Mit dieser Verbindung hab‘ ich mich wenigstens vor der totalen Verblödung und Vereinsamung bewahren können. Aber das ist kein richtiger Ersatz. Man muss unter Menschen sein. Jedenfalls ich muss das. Auch die Reise damals hat mir das gezeigt. In den 10 Tagen wurde ich wieder zu dem Menschen, der ich eigentlich bin. Die Bilder und Begegnungen sind ein für mich schönes Zeugnis davon. So muss das. Wie geht’s der kleinen Maus eigentlich? Wieder besser?

      • allesinklein

        Besser. Zum Glück 🙂 Ach ja, back in the days in Texas … das war schon eine coole Tour. Fühlt sich an als wäre es gestern gewesen …

      • renovatio06

        Ein Glück, ja, dass es der Kleinen wieder besser geht! Hörte sich auch für mich als Nicht-Papa dramatisch genug an. Ja, die Tour war legend! 😉 Ein unzweifelhaftes highlight meines Erwachsenenlebens 😉

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