Lebensmüde?

„Nein. Überhaupt nicht. Aber menschenmüde,“ würde ich antworten, wenn ich so gefragt würde. Eine wohlmeinende, besorgte Seele meinte neulich schon, ich würde müde wirken. Allerdings. Ich bin gründlich müde, erschöpft um genau zu sein. Ich bin es leid. Ich bin all diese Spielchen leid, das Spiel um Geld, Status, Macht, bei dem die Gewinner immer von vornherein feststehen. Ich bin es müde, angelogen zu werden, sobald ich auch nur im „Vorübergehen“ irgendeine Schlagzeile einer beliebigen großen Tageszeitung lese. Ich bin es vollständig leid, gerade jetzt an all diesen Wahlplaketen vorbeifahren zu müssen, wo feiste PolitikerInnen-Fratzen ihr selbstgerechtes bis unverschämtes „Wahl“kampflächeln stark vereinfachten Pauschalerklärungen und Wahl-Losungen zur Verfügung stellen – finanziert mit Deinen mühsam erschufteten Steuergeldern und einer PR-Firma in den Schlund geworfen, die sich diese Statements ausdenkt und dabei vermutlich zu mindestens 50% PraktikantInnen beschäftigt, die ihre Lebenszeit mal eben für leere Versprechungen umsonst zur Verfügung stellen, weil sie noch an Chancen glauben. Firmen, deren Inhaber Steuern in Wolkenkuckucksheim bezahlen, weil dort der Firmensitz steht… Ich bin es müde, mich beweisen zu sollen nur um menschenwürdig behandelt zu werden, mir eine Haut anziehen zu müssen, die stromlinienförmig aussieht, riecht und sich auch so anfühlt. Die aber nicht meine ist, sondern eine Verkleidung, eine Uniform in der sich immer weiter beschleunigenden und echte menschliche Werte aushöhlenden Spassgesellschaft, die immer weniger Tiefe kennt, wo Interaktionen zu Transaktionen verkommen. Wo echter Austausch Tauschgeschäften Platz machen muss. Ich bin es leid, nirgendwohin zu passen, wenn ich einfach ich bin. Es macht mich müde, lächeln zu sollen, wenn ich es zum Schreien, Toben, Heulen finde. Es ermüdet mich, das Echte, Wahre, Tiefe mit Einsamkeit bezahlen zu sollen. Müdigkeit überfällt mich, wenn ich die Fassade meines Gegenübers schon auf den ersten Blick durchschaue und dennoch so tun muss, als würde ich den leeren Worthülsen der Selbstdarstellung Glauben schenken. Ich bin es leid, den weiteren Verlauf einer Begegnung oft schon nach dem ersten kurzen Wortwechsel zu kennen und mir die Vorhersagbarkeit dennoch nicht anmerken lassen zu dürfen. Ich bin es vollständig leid, kaum Überraschungen mehr zu erleben, keine Abenteuer, keine Entdeckungen im anderen.

Bin ich lebensmüde? Nein. Überhaupt nicht. Ich liebe die Sonne, wie sie mich wärmt und die jeweilige Umgebung je nach Tageszeit in ein Prisma lebendiger Farben verwandelt. Ich liebe das Rauschen von Blättern im Wind. Ich liebe den Duft des Sommers, des Herbstes, des Winters, den Geruch und die Farben der Erde, des Wassers, der Luft. Ich verliere mich verzückt in den tausend kleinen Strudeln eines munter dahinfliessenden Baches, dem plätschernden Klang kleiner Wellen, die ans Seeufer schlagen, ein kleines saugendes Geräusch auf ihrem Rückzug hinterlassend und meine nie zur Ruhe kommenden Gedanken mit sich ziehend. Ich labe mich an der Vielzahl von Früchten, die die Natur gerade jetzt im Herbst in prächtiger Fülle bereithält. Es tröstet mich zu sehen, wie sie sich trotz beobachtbarer klimatischer Verwerfungen an ihren Rhythmus erinnert und sich nicht aus dem Tritt bringen lässt. Der sich vollziehende Wandel im Wechsel der Jahreszeiten fasziniert mich ein ums andere mal erneut, ich werde nicht müde, seine Tausenden von Bildern zu betrachten und in mir wirken zu lassen. Ich liebe Musik, Malerei, Literatur, tiefsinnige Gespräche, das unschuldige Lachen von Kindern, ihr aufrichtiges Weinen angesichts echten Leids, ihren Mut und ihre Unerschütterlichkeit, mit der sie die Welt erforschen. Ich liebe es zu lernen und Bekanntschaft mit neuen faszinierenden Zwischenergebnissen aus Forschung und Wissenschaft zu machen. Ich liebe es, neugierig zu sein und zu bleiben. Offen für die Wunder, die sich noch entfalten mögen, für mich und für uns alle.

Lebensmüde? Kein bißchen. Menschenmüde? Eigentlich auch nicht. Vermutlich bin ich es einfach leid, des Kaisers neue Kleider nicht als Nacktheit ausrufen zu dürfen…

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Über renovatio06

Former pro-musician, followed by 20 years in the IT(C) industry, trying to return to music & words. Zeige alle Beiträge von renovatio06

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