Perspektivverkürzung

Wolfgang Herrndorf also. Tschick also, Sand – und (s)eine Geschichte, die mir hinterrücks und ohne Vorwarnung das Herz bricht. Dabei hab‘ ich bis vor wenigen Wochen noch nie ‚was von dem Typen gehört, um ganz ehrlich zu sein. Erst ein Blogeintrag eines befreundeten Autors hat mich überhaupt auf ihn aufmerksam gemacht. Und darauf, dass er im Sterben liegt. Und drüber spricht und schreibt. Öffentlich, wie man das heute im Zeitalter totaler Extrovertiertheit eben so macht.

Dazu passt der GEO-Artikel, den ich gerade im Wartezimmer meines geschätzten Zahnarztes – ein humoriger Herr fortgeschrittenen Alters mit einer erfrischenden Mischung aus Sarkasmus und Philanthropie – gelesen habe. Um Big Data ging es da, um die Vermessbarkeit des Menschen, um die Quantifizierung von Bedürfnissen und vor allem deren Vorhersagbarkeit. Und dass die Maschine aufgrund der schieren Datenmenge und der auf Unfehlbarkeit getrimmten Softwarealgorithmen immer gewinnt. Dass wir alle weitaus weniger einzigartig sind, als wir uns bis vor kurzem eingeredet haben, einreden konnten. Trivialerweise nur deshalb, weil wir nicht genügend Daten in Echtzeit über uns vorliegen hatten oder genauer gesagt: Die dürftige Datenmenge eben auch noch offen für jegliche Interpretation war. Perspektivverkürzung nennt der Autor das. Damit ist nun endgültig Schluß. Datenmenge und Qualität, so der Artikel, führen uns vor Augen, dass wir im Groben eben doch alle mehr oder minder gleich sind. Unterschiede offenbarten sich nur im Marginalen, im Feingranulierten. Tatsächlich sprechen die professionellen Datenzerhäcksler auch von Granularität von Daten. Und ganz am Ende des Artikels kommt dann doch ein kleiner, ein beinahe verzweifelt wirkender Hoffnungsschimmer auf, der geradezu flehentlich eine neue Individualität, eine Menschlichkeit mit wackligem Strich zeichnet und beinahe herbeisehnt, die dem unbarmherzigen Zugriff von Big Data Unvorhersagbarkeit entgegensetzt – auf der feingranularen Ebene. Kein Wohlfühlartikel, um ehrlich zu sein, keine Wohlfühlperspektive. Eine Dystopie eher. Das Ende der Illusion vom freien Willen, von Intuition oder gar so hochfliegenden Ideen wie Spiritualität.

Ein Hauch von Spiritualität kommt bei Herrndorf nach meiner bisherigen sehr spärlichen Lektüre nur einmal vor: Als er sich bereits im Moment des Todes wähnt, ihm die Beine wegknicken und er Augenblicke lang von inneren Bildern überflutet wird, die Trost spenden, der verzweifelten Ich-Identität einen Moment lang Frieden bringen. Ansonsten versagt er sich die romantische Vorstellung, irgendetwas Individuelles könne die physische Existenz überdauern. Da ist nichts, war nichts, wird nichts sein. Oder um es in seinen Worten zu sagen, deren kühlem Charme bei treffsicherer Bildkraft soviele Leserinnen und Blogbesucher erlegen sind: „Es gibt diese Welt nicht, es ist ein bodenloses Nichts, und es knickte mir die Beine weg.“

Ein Gedanke, ein Gefühl von vielen, die mich ihm plötzlich nahe sein lassen. Einem Menschen, den ich nie traf, nie persönlich kannte, mit dem ich nicht eine einzige E-Mail, Textnachricht oder gar ein Telefonat austauschte. Mit dem ich nie bei einer Flasche Bier oder Tasse Kaffee zusammensaß. Ein gänzlich Unbekannter – bis vor ein paar wenig Tausend Zeichen Text. Und nun plötzlich diese Nähe, die Gewißheit, alles irgendwann genauso spüren zu müssen, wie er es in seinem vielbesuchten – man möchte beinahe sagen: heimgesuchten – Tagebuch des Sterbens dokumentiert. Die Gewißheit, dass ich es genauso gemacht hätte: Mir Arbeit und Struktur verordnet, mich minütlich, stündlich, täglich – wieviele Tage noch…? – daraufhin überprüft hätte, wieviel Funktion noch da ist, wieviel Sprit noch im Tank, wieviel Tinte im Füller um bis ans Ziel zu gelangen: Die angefangenen Projekte fertigzustellen. Sprache, Text, in Wörter gegossene Gefühle hinterlassen. Menschen erreichen. Sich festkrallen in den Spiegelneuronen, neue Verbindungen herstellen in dem verzweifelten Versuch, dem Nichts, der Leere, dem unendlichen Dunkel der Bedeutungslosigkeit doch noch ein Schnippchen schlagen zu können, sie mit einem klugen, unvorhersehbaren Schachzug des durchtrainierten Geistes am Ende doch noch überlisten zu können.

Da verlassen mich meine eigenen Worte. Alles, was ich in diesem Moment denken kann, ist: Ich versteh‘ Dich 100%ig-, Wolfgang. Irgendwie. Mit einem großen Unterschied: Ich habe weniger Mut als Du. Nun ist es geschafft. Alles, was jemals sein konnte für den Sekundenbruchteil, den Deine – unsere – Existenz hier dauert. Hast die Welt damit für diesen Sekundenbruchteil schöner gemacht.

Danke für alles.

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Über renovatio06

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