Ticking Away

reisewecker… the moments that make up a dull day“. So singt Roger Waters auf einem der ersten Alben, die ich bewußt gehört habe, im Song „Time“ auf The Dark Side of the Moon von Pink Floyd. Und gerade hat sich bei einem G+-Freund ein kleiner Kommentar“abtausch“ zu seinem links abgebildeten mechanischen Reisewecker entsponnen, der auf seinem Schreibtisch steht und den er überaus schätzt. Hat bei mir sofort einen Flashback ausgelöst. Spontan musste ich daran zurückdenken, dass meine Eltern auch so einen hatten, der auf Reisen sorgsam zuletzt eingepackt wurde, damit er bei Ankunft gleich griffbereit war. Und dann haben der G+-Freund und ich uns noch ein bißchen darüber ausgetauscht, dass der Wecker ziemlich laut tickt und natürlich von Hand aufgezogen werden muss. (kann man so’was im Zeitalter elektronischer Helfer überhaupt noch vermitteln, wenn man nicht zufällig noch so ein Ding besitzt…?).

Na jedenfalls – das laute Ticken, bei dem „man die Zeit hört“, wie der Online-Kollege sagt. Das ist der andere Teil des Flashbacks, der mich an die langen und irgendwie deprimierenden Nachmittage meiner Kindheitstage bei meiner Großtante väterlichseits erinnert, die ich nicht wirklich mochte oder besser gesagt: Zu der ich überhaupt keinen Draht hatte, die einfach da war und ansonsten – alt. An andere persönliche Merkmale oder gar Qualitäten kann ich mich nicht erinnern, sie erschöpften sich in ihrer Gegenwart und ihrem fortgeschrittenen Lebensalter. Ach ja, vielleicht dies: Sie muss irgendwie ausgeprägt sentimental gewesen sein. Aber das dürfte kaum als vordringliches Charakteristikum ihres Wesens durchgehen, sondern eher auf meine gesamte Verwandtschaft zugetroffen haben, die als Angehörige der Heimatvertriebenen des Zweiten Weltkriegs offenbar nie über diese Erfahrung hinweggekommen waren. Jedenfalls prangten da Wandteppiche und -vliese, die einen hinterfragungswürdigen gestalterischen Beitrag zum ehedem schon rustikalen Interieur mit schwerem, dunklen Mobiliar leisteten, mit aufgestickten Sinnsprüchen, die allesamt die verlorene Heimat beweinten, in mehr oder minder dramatischem Tonfall und Ausdruck. Und dann war da eben noch diese laute Küchenuhr, die die Pausen der ungeheuer bemüht verlaufenden, sich im Austausch von Trivialitäten erschöpfenden „Unterhaltungen“ mit unerschütterlichem Gleichmass als Nichtigkeiten bloßstellte, wo jeder Sekundenschlag unerbittlich die Fortsetzung des Gesprächs akustisch anzumahnen schien. Dieses aufdringliche, herzlose Ticken schien mir schon im zarten Kindesalter unser aller unverhandelbare Vergänglichkeit in all ihrer Unausweichlichkeit deutlich und reichlich furchteinflössend vor Augen zu führen: 

Hier ich, ein ganzes Menschenleben jünger als meine Gr0ßtante, überschäumend vor Vitalität und Beweglichkeit, Neugier, berstend vor Vorfreude auf künftige Erlebnisse, die ich mir noch nicht mal ausmalen konnte. Und da, mir gegenüber dieser Mensch, der vieles von dem, das ich zu erleben hoffte oder mir in meiner kindlich-naiven Gedankenwelt vorzustellen vermochte, womöglich schon hinter sich hatte, aber vor allem: Kaum mehr Aussicht darauf, noch sehr viel Neues zu erleben. Die Welt war klein geworden, geschrumpft auf Küche, Schlafzimmer, ein kleines Wohnzimmer, Bad, Flur, eine Handvoll persönlicher Devotionalien, die Aussicht auf die Straße vor dem Haus in dieser gesichtslosen Neubausiedlung, Erlebnisse verengt auf die immer gleiche Routine sich wiederholender, ereignisloser Tage, deren Höhepunkte möglicherweise in meinen gelegentlichen Besuchen bestanden haben mögen. Endlos lang schienen mir diese Pausen zwischen diesen unbedeutenden Gesprächsfetzen, die ich artig und unbeeindruckt mitzuspielen schien, die eingeübt waren wie Schuheschnüren, mit jedem Taktschlag des Uhrwerks sinnierend, ob ich schon lange genug da gewesen war um mich wieder verabschieden zu dürfen. Und wenn ich dann den Zeitpunkt für geeignet hielt, war ich immer ungeheuer erleichtert, dieser morbiden, vom unweigerlich herannahenden Tod gezeichneten Atmosphäre wieder einmal entkommen zu sein. Mit ein paar Mark Taschengeld in der Hose zwar, auf die ich aber liebend gern verzichtet hätte, wenn sie mir die Befreiung von diesen quälenden Pflichtbesuchen hätten erkaufen können.

Ironischerweise – sind meine eigenen Tage nun gar nicht so anders als jene grauenhaften Nachmittage, die meistens auch noch mit trübem Wetter und wolkenverhangenem Himmel einhergingen. Aber ich nähre selbstverständlich die Hoffnung in mir, dieses Blatt noch einmal zu wenden, auf dass ich die Leere in meinem Herzen und meinem Alltag – sofern man ihn so nennen kann – noch einmal zu vertreiben vermag, zurückkehren werde in ein pulsierendes Leben, das kaum Pausen kennt und in dem die Intervalle von Sekunden, Minuten, Stunden verblassen angesichts der bunten, lebendigen Begegnungen und Erlebnisse und wo Zeit wieder ein eher abstrakter Begriff wird, der in direkter Weise nicht erlebt werden kann, sondern nur in seiner Übersetzung in Ereignisse, die mal von längerer, mal von kürzerer Dauer sind. Ich klammere mich an den Gedanken, dass mir hierfür noch ausreiched viel von diesem Abstraktum bleiben möge. Zur Sicherheit werde ich vielleicht geräuschvoll tickende Zeitmesser aus meiner Umgebung verbannen, so nostalgisch schön sie auch sein mögen. Die Armbanduhr ist schonmal weg… 😉

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Über renovatio06

Former pro-musician, followed by 20 years in the IT(C) industry, trying to return to music & words. Zeige alle Beiträge von renovatio06

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