Kafka lässt grüßen!

Ich habe ca. zwei Jahre dafür benötigt, den Mut zu sammeln, mich der 2008 eingetretenen Situation vorzeitiger und vollständiger Erwerbsminderung einmal ganz realistisch – mit Zahlen – zu stellen. In den vorangegangenen Jahren hatte mich die Existenzangst schon beim Gang zum Postkasten oftmals so unbarmherzig im Griff, dass ich mit wackeligen Knien und zitternden Händen zurückkam, wenn mal wieder ein Brief vom „Amt“ dabei war. Bestimmte Absendeadressen lösten bei mir sofort einen Mega-Flashback der Todesangst – zurückgehend auf frühe Traumatisierungen – aus. In der Regel brauchte ich dann zwei bis drei Tage bis ich den Mut hatte, die unheilvolle Post mit den zu erwartenden, erschütternden Horrorbescheiden zu öffnen. Der Tatsache, dass das heute nicht mehr so ist, kann ich nur entnehmen, dass ich emotional nun vollständig verstümmelt bin. Aber ich schweife ab.

Nun gut. Seit März 2010 bin ich in der Zuständigkeit des Sozialamts, nicht mehr bei der Agentur des Teufels, die unter der beschönigenden – oder schlicht auch höhnenden – Bezeichnung „Jobcenter“ läuft (damals noch Arbeitsagentur. Von immer wieder mal laufenden Umfirmierungen samt Kosten für Logos, Geschäftspapier, vermutlich Computer-Software u.ä. werden aber keine neuen, echten Arbeitsplätze geschaffen. Ist das schonmal bei der Regierungsclique angekommen?). Die Hoffnung auf Besserung der Situation hat sich nicht wirklich erfüllt, eher im Gegenteil. Gesundheitlich bedingte Leistungen, die mir das Jobcenter noch bewilligt hat, wie z.B. Kosten mehraufwändiger Ernährung, hat „das Amt“ gleich abgelehnt, trotz mehrerer vorliegender, voneinander unabhängiger Atteste, die diesen Bedarf genauestens und über einen längeren Zeitraum hinweg dokumentieren. Und wie kam „das Amt“ zu dieser Einschätzung? Nun, der Amtsarzt bat um einen Ortstermin, den ich ihm ohne Wenn und Aber zum gewünschten Zeitpunkt einräumte. Nachdem ich ihn eintreten liess, nahm er kurz Platz, musterte mich einmal, und stellte dann per einfacher Sichtung fest, dass mir nichts fehlen würde. Und fuhr fort mir zu erklären, dass es sich bei einer Pankreasinsuffizienz – die u.a. Kosten für zusätzliche Enzympräparate verursacht – um eine „auszehrende“ Krankheit handle, die sich u.a. in einem Body Mass Index um die 18,5 äußere. Das sei ja bei mir offenkundig nicht der Fall. Mein Einwand, dass ich ja laufend das ärztlich verordnete Präparat einnehme, damit es eben gerade nicht zu dieser auszehrenden Entwicklung komme, nahm er in keiner für mich erkennbaren Weise zur Kenntnis. Sämtliche weiteren Anträge auf Übernahme zusätzlicher Kosten, die für mich aus dem Regelsatz nicht zu bestreiten sind, wurden ebenfalls abgelehnt. Meine Widersprüche auf diese Bescheide sind nun letztlich nach Ausschöpfen aller anderen Rechtsmittel in ein Klageverfahren gemündet. Es geht wohlgemerkt um 35,- pro Monat… (die ich aber wegen noch weiterer bestehender Lücken, z.B. im Krankenversicherungstarif, dringend benötige).

Von der umfassenden Demütigung, die all diese Erfahrungen mit sich bringen, will ich schonmal gar nicht anfangen. Konzentrieren wir uns auf das Wesentliche: Es reicht hinten und vorne nicht. Mir bleiben nach Abzug aller Kosten, die angeblich in der Grundsicherung mit abgedeckt sind, im Monat zwischen 100,- und 120,- – für Nahrungsmittel, nötige Fahrtkosten und soziale Teilhabe. Letztere findet natürlich aufgrunddessen kaum mehr statt. Fairerweise muss ich aber anfügen, dass der Mangel an Mitteln nur einer von vielen Gründen ist. Das gesellschaftliche Stigma ist vermutlich der Hauptgrund für meine umfassenden Rückzugstendenzen, die schon seit Jahren in vollständige Isolation – abzüglich der sozialen Medienplattformen – gemündet sind.

Zurück zu den Zahlen: Ich denke, ich darf mich aufgrund dieser Erfahrungen wie auch anderer, sehr weit zurückreichender Erfahrungen extrem belastender oder gar psychisch zerstörerischer Art als zähen, ausdauernden und – bisher – nicht totzukriegenden Kämpfer bezeichnen. Das nehme ich nun in Unterschlagung von der Geschichte wegführender Details einfach mal für mich in Anspruch. Also habe ich mir erlaubt, einmal den Versuch zu unternehmen, ein Positivszenario zu schaffen, mir also vorzustellen, dass sich mein allgemeiner Zustand, der ursächlich für die Erwerbsminderung war, bessert und ich wieder in die Lage komme, zunächst geringen und dann hoffentlich steigenden Hinzuverdienst selbständig zu erwirtschaften. Diesen Fall hat natürlich auch der Gesetzgeber bedacht und dafür Regelungen geschaffen. Und hier wird’s einfach nur noch grausam. Denn meine Berechnungen – gestaffelt nach den Hinzuverdienstgrenzen der Erwerbsminderungsrente – ergeben ein erschütterndes Bild: Je mehr Eigenleistung ich erbringe, desto härter bestraft mich das System dafür! Zur Veranschaulichung einmal ein konkretes Beispiel: Nehmen wir an, ich schöpfe die monatliche Hinzuverdienstgrenze bei voller Erwerbsminderung von 450,- EUR aus (die Zahl dürfte bekannt sein…). Lt. SGB XII muss mir dann das Sozialamt 70% als monatliche Einkünfte anrechnen und vom Bedarf abziehen. Übrig bleiben dann 135,- im Monat, die ich zusätzlich zu den Leistungen der Grundsicherung abzugsfrei behalten darf. Klingt fair, oder nicht? Soweit, so gut.

Nehmen wir nun an, eine Tätigkeit im Bereich meiner Qualifikationen und die Erfahrung der Produktivität und Nützlichkeit für die Allgemeinheit führt nun sukzessive zu einer gesundheitlichen Stabilisierung meinerseits und sich damit weiter erhöhender Produktivität. Einfach mal positiv denken, o.k.? Gehen wir also einmal davon aus, ich verdiente – sagen wir 687,23 EUR aus eigener Arbeit hinzu.  Diesen Betrag habe ich natürlich nicht willkürlich gewählt. Er entstammt wiederum der Sozialgesetzgebung und bedeutet, dass mir bei nurmehr 75%-iger Erwerbsminderung ein Hinzuverdienst von eben diesen 687,23 gewährt wird. Die Erwerbsminderungsrente verringert sich natürlich dementsprechend um 25% und liegt dann bei 277,22 € pro Monat. Beide Beträge zusammen ergibt 964,45 €. Nicht schlecht, oder? Ist immerhin geringfügig über der 2012 errechneten Armutsgrenze für Deutschland, die zu diesem Zeitpunkt mit 940,- EUR pro Monat und Person errechnet wurde. Also da bleiben schonmal 24,45,- über. Das reicht immerhin für – einmal Kino am Wochenende für zwei Personen? Einmal großen Lieferdienst von Lieferando (da, wo Deine Mudda kocht, Aldäh!)? Einmal Cocktailhour für zwei Personen? Also, was auch immer für diesen Betrag drin ist – richtig „unarm“ kann ich mich da noch nicht fühlen. Aber egal. Darum geht’s schon lange nicht mehr… Es sollte nur reichen. Tut’s aber bereits hier nicht mehr. Denn – und nun kommt der Knaller: Der magere Hinzuverdienst wird zweimal abgezogen! Jawoll! Sind ja auch zwei Leistungsträger und die wollen – unabhängig voneinander – ihre überschüssig verauslagte Kohle zurück haben. Ist klar, oder? Im Klartext: Den Hinzuverdienst von 687,23 behält „das Amt“ zu 70% ein, will also 481,06 € von mir zurück – und zwar im Voraus, als noch vor dem Zufluss, egal, ob die Knete kommt oder nicht! Sie lassen mir also – theoretisch, darüber habe ich noch keine Erfahrungen – 206,17 zur eigenen Verwendung. Nota bene: Diese Verwendung wäre primär erstmal für die eigenständige Schliessung der Lücken infolge zustehender, aber nicht gewährter Leistungen „reserviert“. Also keine Jumbo-Pizzen, Kino-Wochenenden mit Valentinstag-Anhang oder schicke Cocktails in der Bar in der Innenstadt. Einfach die Löcher stopfen, wo „das Amt“ sie reinreißt.

Aber es kommt noch besser: Später – sagen wir mal mit Abstand von knapp zwei Jahren Stand heute – kommt dann die Deutsche Rentenversicherung Bund und fordert ebenfalls ihren überschüssig gewährten Zaster zurück. Das wären in diesem Fall dann 92,41 € zuviel bezahlter Erwerbsminderungsrente pro Monat. Wer bis hierher mitgedacht hat, dürfte jetzt messerscharf schlußfolgern: Ja, das wird ja „beim Amt“ berücksichtigt und entsprechend weniger abgezogen. Wird es das?

Weil ich aufgrund massenhaft leidvoller Erfahrungen seit Eintreten dieser Situation nun schon vorgewarnt bin, habe ich versucht, mir darüber Klarheit zu verschaffen. Bislang nur mit Teilerfolgen – und zwar seitens der Rentenversicherung, wo ich mit großer Erleichterung feststelle, dass die Sachbearbeiter wenigstens noch bereit und fähig sind, einem zuzuhören! (Kommt heute generell nicht mehr allzu häufig vor und in Behörden oder öffentlichen Agenturen noch seltener…).

Im Moment heißt das Zwischenergebnis: Negativprogression! Je mehr Hinzuverdienst, desto schneller rutsche ich wieder unter das Existenzminimum, auch und vor allem, wenn ich mich beispielsweise von mindestens einem Leistungsträger abmelde. Und zwar nicht in sozialverträglicher Form, bei der man planen könnte, sondern – wie in der Vergangenheit geschehen – vermutlich von einem Tag auf den anderen oder noch schlimmer: Rückwirkend, wenn man sich vom Kampf geschunden zurücklehnen und kurz ausruhen möchte/muss.

Bei der Gelegenheit: Dass ich heute überhaupt in der Lage bin, mich nun solcher Sachverhalte zu stellen, verdanke ich meiner Intuition, meinen Selbstheilungskräften und der tiefen Dankbarkeit darüber, ab und an noch einem echten Menschen zu begegnen, der sich die nötige Zeit nimmt, ein Anliegen bis zu Ende zu hören. Soweit die gute Nachricht. Was nun den Ausgang meines Zahlenspiels betrifft, so mache ich mich – ausgehend von den bisher gesammelten Erfahrungen sowie den Beobachtungen links und rechts im Bereich persönlicher Armutsforschung – auf das Schlimmste gefasst…

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Über renovatio06

Former pro-musician, followed by 20 years in the IT(C) industry, trying to return to music & words. Zeige alle Beiträge von renovatio06

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