TITANIC hat die Lösung….

Immer voll in die Wunde zu fassen und sämtlichen Ausrutschern noch eins draufzusetzen dürfte wohl das Erfolgsrezept des Satiremagazins TITANIC sein. Der Papst mit bepinkelter Soutane auf dem Cover und der sich daran anschließende mediale Aufschrei inklusive durch den Vatikan unternommene juristische Schritte gegen Titanic  – und nun Brüderle, dem der Vorschlag in den Mund gelegt wird, die Sexismus-Debatte mit Versöhnungssex zu einem einvernehmlichen Ende zu führen. Den Titanic-Humor kann man nun gelungen finden oder nicht – mir hat auch diese Schlagzeile wieder mindestens ein Schmunzeln abgerungen. Und das tat mal gut nach tagelanger Medien“hysterie“ möchte man fast sagen, tagelangem, flächendeckendem Geraschels im Blätterwald, in das immer wieder die Sexismus-Vokabel eingestreut wurde. Das war und ist ärgerlich.

Damit eins gleich mal klar ist: Sexismus ist inakzeptabel. Auch seine beobachtbare Allgegenwärtigkeit in der Berufswelt und im Alltag macht ihn nicht akzeptabler, keinesfalls sollte ein Gewöhnungseffekt eintreten oder als Scheinlösung mißbraucht werden. Damit sollte auch klar sein: Die gesellschaftliche Diskussion und Auseinandersetzung mit dem Thema gehört auf die Tagesordnung. Und genau da liegt die Wurzel meiner Verärgerung über diese „Berichterstattung“ der vergangenen Tage: Ein valides Thema wird mal en passant in die Hände fragwürdiger Protagonisten gelegt, ein vielfacher Aufschrei schallt durch die Medienlandschaft, um dann absehbarerweise so schnell zu verebben wie er erklang, wie der schreibende, erfahrene und vom Fach stammende Autor und Journalist vermutlich zu Recht vorausahnt. Ich wähnte meine persönliche Verärgerung zunächst in der – meiner vorschnellen Einschätzung folgenden – mißlungenen Priorisierung von Themen verortet. Eurokrise, Ägypten, Mali, Energiewende, Klimapolitik – alles Themen, die gefühlterweise höhere unmittelbare Aufmerksamkeit zu verdienen scheinen als der peinliche verbale Übertritt eines präsenilen Möchtegern-Casanovas, dessen Manneskraft ihren Höhepunkt vermutlich bereits zu Zeiten überschritten hatte, da wir noch mit D-Mark bezahlten, von Mobiltelefonen und Internet noch keine Spur erkennbar war, die Sexismus-Vokabel noch nicht mal Eingang in das rhetorische Rüstzeug der Frauenbewegung gefunden hatte  – aber auch zu dieser Zeit wäre sein Verhalten bestenfalls ein peinlicher Übertritt geblieben, eher aber ein „no-no“. Da weist mich der oben zitierte Autorenfreund zu Recht darauf hin, dass es keinen Sinn ergibt, Themen in ihrer vermeintlichen Bedeutung gegeneinander aufzuwiegen. Kurz nachgedacht und zugestimmt. OK. Aber Brüderle und ausgerechnet diese Begebenheit? Soll das wirklich ein ausreichend ernstzunehmender Anlass für ein gesellschaftlich großes Thema sein? Und wo bleiben die Wortführerinnen der eigentlich Betroffenen? Warum äußern sie sich nicht zum Thema? Vermutlich, weil sie längst durchschaut haben, dass die „Debatte“ als wahlkampftaktische Blendgranate mißbraucht wird, die Debatte als solche keine ist, sondern zeitlich kühl kalkuliert ein flächendeckender Aufreger an den Stammtischen der Nation platziert wurde, der die Gemüter bis zum Termin des Kreuzchensetzens beschäftigen soll, mindestens aber probat von den oben angesprochen Themen hinreichend ablenkt, so dass diese vom Radar der medialen Öffentlichkeit vielleicht nicht unbedingt verschwinden, aber doch ausreichend in den Hintergrund geraten, um am Wahltag im Grundrauschen der Themen – um nicht zu sagen Problemvielfalt – unterzugehen.

Als von Sexismus betroffene Bürgerin käme ich mir angesichts dises Umgangs mit diesem Thema wiederum sexistisch unterdrückt und reichlich mißachtet vor. Statt einer echten Bestandsaufnahme beschränkt sich die Presse auf ein einzelnes Vorkommen, das mit einem einzigen Satz – nämlich einer öffentlichen Entschuldigung Herrn Brüderles – erledigt sein könnte, um dann Raum zu schaffen für eine ernsthafte Diskussion. Die sehe ich aber bis heute nicht. Stattdessen verweilt diese Debatte bei persönlichen Befindlichkeiten und Spekulationen um deren Umstände, reduziert sich also selbst auf ein singuläres Ereignis, dessen Stellvertretercharakter durch exakt die Art und Weise ihrer medialen Darstellung verspielt wird.

Knapp vorbei ist halt auch daneben… Schade.

update/Ergänzung: Mein Kommentar entstand vor dieser Lektüre und der sich daran anschließenden Diskussion. Die Frage, warum sich nicht mehr (vermeintlich?) Betroffene zum Thema äußern, ist also hinfällig.

P.P.S.: Ein bißchen ist nun der ganze Beitrag hinfällig. Die schreibende Zunft hat sich darauf geeinigt, dass die Geschichte nun über Brüderle hinausgewachsen ist. Damit ist meine Beobachtung bzw. Stellungnahme ebenfalls hinfällig. Wenn die Debatte nun tatsächlich eine geworden ist, dann hat die „Aktion“ ihr erstes Ziel erreicht.

Advertisements

Über renovatio06

Former pro-musician, followed by 20 years in the IT(C) industry, trying to return to music & words. Zeige alle Beiträge von renovatio06

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: