Deutschland, Du Arschloch!

Die Warnung gleich vorweg: Ich erlaube mir hier meine eigene kleine 5-Minuten-Hass-Sendung. Nicht gerade originell, aber nötig, damit ich nicht platze… Ausgangspunkt sind diese „schönen“ Schriften.

Und die wiederum gehen zurück auf den Auftritt von Ralph Boes bei Maischberger vom 04.12.2010,  in der er – nach meiner Rezeption – eingeladen war, um als Vorzeige-Faulpelz und Sozialschmarotzer inszeniert und vorgeführt zu werden. Bezeichnenderweise saß genau zu seiner Linken eine Dame mittleren bis fortgeschrittenen Alters, die ihren Lebensunterhalt im seit 2005 als Folge der Agenda 2010 stetig wachsenden Niedriglohnsektor bestreitet, Arbeitstage von 10 und mehr Stunden stemmt und dafür gerade mal 8,70 brutto (ergänzt: pro Stunde) nach Hause bringt. Die Sendung war so konzipiert, dass Ralph Boes dieser Dame gegenübergestellt wurde und offenbar der Eindruck erweckt werden sollte, als finanzierten die Fr. Ralfs dieses Landes den „Schlendrian“ eines Ralph Boes, der stellvertretend für alle Mitbetroffenen dafür eintritt, die Sanktionswillkür der Jobcenter und das daraus entstehende, mannigfaltige persönliche Leid zu demonstrieren, das durch die Bedrohung mit Obdachlosigkeit, Verlust der Krankenversicherung und in einigen Fällen damit einhergehend sogar akuter Lebensbedrohung gekennzeichnet ist. Um dies zu veranschaulichen setzte sich Ralph Boes freiwillig einem mehrwöchigen Sanktionshungern – nicht Hungerstreik! – aus, nachdem er mit 90%-igem Leistungsentzug sanktioniert worden war. Die Sanktionen waren verhängt worden, weil Ralph es aus persönlicher und politischer Überzeugung ablehnt, an 1-EUR-Job-, Fortbildungs-, Eingliederungs- oder ähnlichen Maßnahmen teilzunehmen, deren arbeitsmarktpolitische Wirkung höchst umstritten ist und deren Wirksamkeit mittlerweile sogar deren einstige Urheber relativieren. Er tritt dafür ein, die Verfassungswidrigkeit des SGB II – vulgo: Hartz IV – herauszustellen und anstelle der Hartz IV-Gesetze ein bedingungsloses Grundeinkommen zu installieren. Soweit der Kontext.

Und nach Ausstrahlung dieser Sendung – empörenderweise auch noch auf den Kanälen des öffentlich-„rechtlichen“ Programms – ergiesst sich – für mich völlig erwartbar! – eine Tirade des blanken Hasses über Ralph Boes, die mich in schauriger Weise an Kapitel deutscher Geschichte erinnert, die ich bislang nur aus den Geschichtsbüchern und Schulunterricht kannte, und die sich offenbar in für mich durchaus vergleichbarer Weise gerade zu wiederholen scheinen. Was ist das für ein Land, wo nachvollziehbarer, politisch motivierter – und in meinen Augen heute mehr denn je nötiger – ziviler Ungehorsam mit einem Reflex aus Häme, Anfeindungen und schändlichster Verunglimpfung begegnet wird? Wo geifernde Opportunisten keine andere Antwort kennen, als sich über äußeres Erscheinungsbild, Sitzhaltung und ihrer Ansicht nach mangelhafte Rhetorik zu erregen? Wo die Sachebene bestenfalls gestreift wurde und echte Gesprächskultur noch nicht mal ansatzweise erkennbar war? Was ist das für ein Land, wo sich – offenkundig – die Masse der Konsumenten bequem zurücklehnt und andere für sich denken und reden lässt, anstatt selbst zu fragen, zu prüfen, zu recherchieren? Was ist das für ein Land, wo ein Politiker ungestraft den Satz „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ sagen darf? Und hierbei polemisch alle Erwerbslosen als nicht arbeitswillig diffamiert, ohne jegliches Differenzieren der persönlichen oder politischen Umstände, die in diese Situation führen können?

Derlei einseitige Rhetorik gab es schon einmal. Ich verachte diesen obrigkeitsergebenen Pauschalierungsreflex zutiefst! Ich schäme mich angesichts dieser unverhohlenen Hassbekundungen dafür, hier geboren zu sein. Wenn es so einfach ist, die Bevölkerung zu spalten, wundert es mich nicht mehr, dass die vollständige Verblödung und Unterwerfung ganz Europas unter deutsch-französischer Federführung in Form des ESM – den ich als Sklavenpakt bezeichnen möchte, der er de facto für den Steuerzahler ist – möglich war. Mein lebenslang bestehendes Unbehagen angesichts der deutschen Geschichte wird mit diesen Reaktionen auf Ralph Boes‘ Aktion(en) auf’s Häßlichste bekräftigt. Meinungsmanipulation, die m.E. von umfassender Indoktrinierung nicht weit entfernt ist, funktioniert wie eh und je. Ich bin erschüttert und wie gesagt zutiefst angewidert und empört – über jede einzelne dieser Hassmails und über den Mangel an kritischem Hinterfragen sowie – welch dreist-naive Hoffnung! – Solidarisierung der Betroffenen. Angesichts solcher Erfahrungen frage ich mich selbst, für wen man sich hier eigentlich politisch engagieren soll – oder ob überhaupt… Jeder gegen jeden und jeder für sich, so lautet mein vorläufiges Fazit aus dieser und ähnlich gelagerten Beobachtungen, die ich aufgrund eigener Betroffenheit vom Sozialabstieg seit 2007 machen muss.

P.S. Der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens stehe ich im übrigen insgesamt aufgeschlossen gegenüber, habe aber starke Zweifel an der Umsetzbarkeit der vollständigen Bedingungslosigkeit. Ich würde hier insofern konkretisieren, dass möglicherweise eine Entkopplung von rein ökonomischen Zwängen einlösbar ist. Gänzliche Bedingungslosigkeit halte ich für Utopie und nicht umsetzbar, geschweige denn für politisch mehrheitsfähig, wie die eingegangenen Reaktionen nun unschön offenlegen.

P.P.S. Weitere Reaktionen und Echo auf Ralphs Facebook-Pinnwand.

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Über renovatio06

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