Tabula Rasa – Zwischenbilanz

 

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Seit dem unfreiwilligen, vorzeitigen Ende meiner bisherigen beruflichen Laufbahn habe ich mir erlaubt, mich mit aller Kraft und allem Fokus meiner körperlichen und geistig-emotionalen Genesung zu widmen. Wenn ich Genesung sage, dann war ich bislang zunächst in der Annahme verhaftet, es handle sich um rein körperliche, bislang unidentifizierte Beschwerden. Nachdem diese relativ schnell geklärt und erfolgreich therapiert waren, blieben „nurmehr“ Symptome, die typischer- und modischerweise einem sog. Burn-out-Syndrom zugeordnet werden. Ich vermeide ja für gewöhnlich die Verwendung schwammiger, un- oder nicht hinreichend definierter Begriffe, wenn es geht. Und diesen Begriff hier mag ich noch viel weniger, weil er zum einen persönliche Schwächen wie z.B. schlechtes Zeitmanagement nahelegt, daneben aber auch eine latente „Weicheiigkeit“ zu implizieren scheint. Und wenn ich mir eins mit Fug und Recht aus annäherend 48 Jahren persönlicher Lebenserfahrung zugutehalten darf, dann die empirisch gewonnene Erkenntnis, dass ich ein ausdauernder und zäher Kämpfer bin – abzüglich der vergangenen fünf Jahre, wo ich mir auch einmal das Eingestehen von Schwächen erlaubt habe.

Und tatsächlich: Bei genauerer Betrachtung und jeder Menge Introspektion mit und ohne fremde Hilfe sowie dem eingehenden Selbststudium einschlägiger Literatur komme ich nicht umhin, mir eingestehen zu müssen, dass ich nun mal keine perfekte „Bio-Maschine“ bin, deren Daseinsberechtigung vorwiegend im superoptimalen Funktionieren besteht, obschon die gesellschaftliche Wahrnehmung und Anforderung dieses Bild immer schonungsloser fordert. Im Rückblick drängt sich mir auch für die gesamte Zeit der Erziehung und der Heranwachsens der Eindruck auf – und ich räume die Möglichkeit der Verzerrung ein -, als sei sie vorwiegend darauf ausgerichtet gewesen: Auf’s lückenlose, stets verlässliche Funktionieren ohne die Möglichkeit, auch einmal durchhängen oder gar verstimmt, traurig, ja vielleicht sogar verzweifelt sein zu dürfen. Die menschliche Natur ist aber anders, wie ich durch reine Beobachtung gelernt habe.

Nach fünf oder sogar mehr Jahren der eingehenden Analyse meines Wesens, meiner persönlichen Geschichte, meiner Erfahrungen im Erwachsenenleben und eben wie erwähnt jeder Menge Selbststudium sowie der gelegentlichen Inanspruchnahme der Experten – allein die Erfahrungen in diesem Bereich könnten locker ein Buch füllen – auf den jeweils untersuchten Gebieten, bleibt die nüchterne und reichlich desillusionierende Erkenntnis, dass ich meine Grenzen geradezu programmatisch überschritten habe. Und das eigentlich solange ich denken kann und als Folge eben jenen Drills. Wenn also der Begriff „Ausbrennen“ für „burn out“ irgendetwas beschreibt, dann tatsächlich dies: Das Verbrennen aller Antriebskraft und Fähigkeit zur Selbstmotivation aufgrund überhöhter Anforderungen und imaginärer, aber auch reeller Erwartungshaltungen seitens der Umwelt. Diese Anforderungen und Erwartungen und meine persönliche Antwort darauf durchzogen und durchziehen alle Lebensbereiche, sowohl im privaten, wie auch im beruflichen und auf körperlicher, emotionaler und geistig-kognitiver Ebene.

Der Weg zu wenigstens teilweiser Genesung – bestimmte Bereiche meiner Person sind schon früh beschädigt worden und werden bedauerlicherweise auch bis an meine Lebensende beschädigt bzw. nicht zugänglich bleiben – kann also nur über die Akzeptanz dieser persönlichen Grenzen sowie deren schrittweiser Integration in mein Selbstbild und schliesslich meinen Alltag führen. Dies hatte und wird weiterhin grundlegende, teils erschütternde Umwälzungen mit sich bringen, die sich zum größten Teil bereits manifestiert haben. Da wäre zum einen meine 2003 gescheiterte Ehe, daraufhin die schrittweise Auflösung und Ausgrenzung vom einst gemeinsamen Freundeskreis, schliesslich auch meine fortlaufende Distanzierung von alten Verbindungen, wobei auch hier wieder der eine oder andere mir zuvorkam. Geblieben ist für’s Erste das Abgleiten in die Reste des Sozialsystems, der Verlust aller Ersparnisse, Insolvenz und nunmehr 100%-ige Erwerbsunfähigkeit sowie 50% Behinderungsgrad. Und natürlich die psychisch-emotionale Antwort auf diese umfassende Bauchlandung im Leben: Massive Depressionen und weitere „Begleiterscheinungen“, die eben diese 50% Behinderung konstituieren. Ich kann mir kaum vorstellen, dass man ein Leben nach den in westlichen Ländern geltenden gesellschaftlichen Massstäben gründlicher an die Wand fahren kann. Wiederum diesen gesellschaftlichen Normen folgend, habe ich meine Daseinsberechtigung verwirkt. Und den armen Teufeln, die im ALGII-Bezug gelandet sind, wird das von deren Jobcentern auch bis zum Exitus auf’s Brot geschmiert.

Mit diesem Frontalcrash hat sich für’s Erste auch jegliche bisherige Identität aufgelöst, die über die Identifikation mit beruflichem Erfolg und dem Sammeln materieller Sicherheiten einhergeht. Der Schock dieses umfassenden Scheiterns hat mich notgedrungen zu umfänglichem Hinterfragen meines Selbstbilds, aber auch der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen ich und wir leben und eben diesen Maximen, die da zu gelten scheinen, sowie zur eingehenden Bestandsaufnahme aller persönlichen Stärken und Schwächen motiviert. In Sachen Weltbild und Neuidentifikation ist aber zunächst nach wie vor tabula rasa. Im Moment scheint sich mein Strickmuster so darzustellen, als könne ich gar nirgendwoanders als eben in diesen westlichen Systemen mit all ihren subtilen und teils perfiden Mechanismen der Schaffung nachhaltiger Abhängigkeiten (über-) leben.

Im Moment bleibt mir also nichts anderes übrig, als die restlichen Altlasten meines bisherigen Lebens und Selbstverständnisses zu Ende abzuwickeln und den eingetretenen Zustand vollständiger Abhängigkeit und mindestens finanzieller Entmündigung so erträglich wie möglich zu gestalten. Dieses Abwickeln schliesst vermutlich sämtliche sozialen Verbindungen einschliesslich Familie mit ein. Bei genauer Betrachtung ergibt sich das eigentlich zumeist von selbst, da bei de facto 150,- Monatsbudget nach Abzug von Strom und Telefon die Teilhabe am sozialen Leben schlichtweg nicht finanzierbar ist und weitgehende Isolation unumgänglich. Und irgendwann fehlt auch einfach die gemeinsame Gesprächsbasis, da die jeweiligen Erfahrungswelten im wahrsten Wortsinne Welten voneinander entfernt sind… Und so hatte ich in den vergangenen Jahren den fragwürdigen und manchmal auch kläglich erscheinenden Versuch unternommen, die echte soziale Teilhabe mit virtueller in den sozialen Medien zu ersetzen. Diesen Selbstversuch kann ich aber nur als teilweisen Erfolg betrachten bzw. muss die Ergebnisse als häufig nicht zufriedenstellend bewerten. Soziales Miteinander braucht möglicherweise doch so eine Art „Stallgeruch“, der im online-Miteinander fehlt. Darüber hinaus ist die vorwiegend schriftliche Kommunikation eben sehr anfällig für Missverständnisse aller Art und erfordert für die erfolgreiche Kommunizieren ein Minimum an allgemeiner, aber auch spezifischer Kenntnisse, wie z.B. den Einsatz von Emoticons, wo Gestik, Mimik, Stimmführung und andere Ausdrucksmittel zwischenmenschlicher Kommunikation fehlen. Und zu guter Letzt fehlt eben die Unmittelbarkeit, die Spontaneität gemeinsamen Erlebens. Meine aus stellenweise schierer Verzweiflung resultierenden, teils unbedachten Aktivitäten in den sozialen Mediennetzwerken werde ich sukzessive prüfen und ggf. kappen bzw. löschen oder stringenter und fokussierter aufstellen. Auch hier wieder muss ich mindestens teilweise äußerem Druck nachgeben, da die zu erwartenden steigenden Stromkosten die vielen Stunden am Computer schlicht nicht mehr finanzierbar machen.

Der Vorgang ist durchaus vergleichbar mit dem sorgfältigen Zusammenkehren und Entsorgen eines Scherbenhaufens gefühlter epischer Größe. Meine innere und äußere Handlungsbasis sowie ein Großteil der Voraussetzungen, die für selbständiges Handeln erforderlich sind, erscheint aus heutiger Sicht weitgehend zerstört. Aus logischer Sicht könnte eigentlich nur noch der Suizid folgen. Aber da gibt es ja noch den biologischen (Über-) Lebenswillen…

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Über renovatio06

Former pro-musician, followed by 20 years in the IT(C) industry, coming back to music & words. Zeige alle Beiträge von renovatio06

5 responses to “Tabula Rasa – Zwischenbilanz

  • renovatio06

    Reblogged this on Project Westbound and commented:

    Zwischenstand nach gefühlten zwei Dritteln an verstrichener Lebenszeit.

  • AlterKnacker

    Schreiben hilft in vielfacher Hinsicht, löst aber keine Probleme … da hilft nur ‚Arsch hoch‘ und handeln. Und Du musst es ja nicht alleine bewerkstelligen, Du hast Mitleidensgenossen/Innen … und Du hast Dir Fähigkeiten erworben, die jetzt brach liegen (z.B. die Musik und die wird nicht nur vor Publikum zelebriert). Streck den Ignoranten um Dich herum den Effenberg-Finger entgegen.

    • renovatio06

      Johnny – mir geht gerade ein Kronleuchter bzgl. meiner inneren Blockade auf… zum einen durch das, was Du gerade geschrieben hast, zum anderen durch das Anschauen der heutigen Bilder von Baumgartners Hammersprung…. bzgl. dem Beobachten der Leute im Mission Control Center… 😉 Ich üb‘ schonmal den inneren Effenberg-Finger (oder ‚one finger salute‘, wie ich heute gelernt habe, hahah!!!)

  • joern hartwig

    Jo super! Mir geht es fast genau so.
    Ich sehe das so das man den Anforderungen eines Systems was Zwangswachstum der Wirtschaft fordert und bedingt als extrinsische Motivation, die aber nicht mehr zu erfüllen ist, durch Krankheit oder Burn Out bezahlt.
    Das zurück erlangen der intrinsischen Motivation kann aber sogar quasi über Nacht passieren und ein Lernprozess startet den man in einer funktionierenden Gesellschaft schon als Kind hätte haben können.
    Von dem Tag an ist alles möglich, jede Entscheidung wird endlich wieder selber getroffen, die Angst verschwindet und man erlebt es als wachwerden oder als Erkenntnis ein grandioses Gefühl!

    Die Neuidentifikation würde ich lapidar so beschreiben ich bin zu allem bereit aber derzeit zu nichts zu gebrauchen ;)

    • renovatio06

      Das Witzige ist, das Gefühl hatte ich vor vielen Jahren schonmal, Joern. Ich muss es irgendwie wiederfinden und vor allem, wie es mir gelang, es überhaupt zu haben. Hat irgendwas mit innerer Erlaubnis zu tun, denke ich. Danke für Deine Anregungen!

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