iPhonitis

iPhone 5Ich komm‘ mir allmählich immer häufiger vor wie Gary Cooper in „Mr. Deeds goes to Town„, wenn ich mal von meiner ländlichen Lebensmitte in die Münchener Innenstadt fahre. Heute war so ein Tag. Und weil ich mich besonders mutig fühlte, habe ich sogar die S-Bahn genommen, eines meiner selbstauferlegten „Expositionstrainings“, wie das unter Hirnklempnern im Fachjargon heißt. Die Idee hinter solchen Expositionen ist grob gesagt, Teufel mit Beelzebub auszutreiben, indem man sich immer häufiger Situationen aussetzt, die neurotisch besetzt sind. Das ist jetzt stark vereinfacht, aber so in etwa darum geht’s. Also weiter im Text.

Ich fahr also von meiner Zusteigestelle mit der S-Bahn in die Innenstadt, was bis zur Zielhaltestelle etwa 40 min. dauerte. Da ich mich heute nicht nur besonders mutig fühlte, sondern eigentlich auch sehr gelassen und erwartungsfrei der Dinge harrte, die da kommen mögen, hab‘ ich mir diese vierzig Minuten spontan mit Sozialstudien oder besser gesagt: Verhaltensbeobachtungen in freier Wildbahn vertrieben. Und auf die Gefahr, nun als hoffnungslos „old school“ rüberzukommen, komme ich dennoch nicht umhin festzustellen, dass sich das sog. Sozialverhalten in öffentlichen Verkehrsmitteln offenbar auf die obsessive Beschäftigung mit einem Gerät (neudeutsch: Device) der jeweils persönlichen Wahl konzentrierte. Ach was fasel ich: Dem einen Gerät, das offenbar heute zur Alltagsausstattung gehört, wie früher Regenschirm, Handtasche oder ein Packen Tempo-Taschentücher: Dem iPhone! Also echt beinahe jeder, der sich mit mir im gleichen S-Bahn-Wagen oder kurz wartend auf der Plattform befand, hatte so ein Teil in der Kralle. Der Grad der Individualisierung beschränkt sich hierbei offenbar auf Material und Farbgestaltung der als Zubehör erhältlichen Hüllen und Cases, des Tragens der mitgelieferten Ohrhörer oder firmenfremder Kopfhörer sowie  der offenbar alle Aufmerksamkeit bannenden, aktuell laufenden Anwendung. Ich hab nicht eine einzige Person mit dem Ding telefonieren sehen bzw. hören. Faszinierend!

Da versuchte ich mich zwangsläufig dran zu erinnern, womit man sich denn früher die Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln vertrieb. Also zum besseren Verständnis: Ich mein‘ wirklich ganz früher, so vor gefühlten 100 Jahren, kurz nachdem dampfbetriebene Lokomotiven ihren Dienst aufnahmen und lange bevor das erste Mobiltelefon jemals in den für Otto-Normalkonsumer erschwinglichen Bereich kam. Was tat man da? Hat man sich gegenseitig kleidungstechnisch abgecheckt? Wurden billigende oder missgünstige Blicke ausgetauscht, wurde getuschelt, hat man sich womöglich gar miteinander unterhalten? (Im übrigen ein klares Selektionsmerkmal, das heute den hoffnungslosen Neo-Neanderthaler vom ‚homo smartphonus‘ unterscheidet: Eine Unterhaltung führen. Voll uncool, Bruder! Und sowas von old school, da gibt’s gar kein Wort für). Ich musste in mich hineinschmunzeln bei dem Gedanken, dass dafür sicher auch bald irgendein Anbieter eine App zur Verfügung stellen wird: Unterhaltung 1.0 oder so. Ach Quatsch, das muss ja ein englischsprachiger Ausdruck sein. Ok, dann halt „retro chat“ meinetwegen. Vielleicht auch ’ne App, die selbstätig mit Siri spricht, denn offenbar ist das hochgelobte Spracherkennungssystem dann doch begriffsstutziger, als uns Apples Marketing weismachen will, wie die „In vitro“-Demo des ex-Chefredakteurs später am Abend und mit einem brandneuen iPhone 5 offenbart.

Ach ja, iPhone 5. Weil ich zwischen meinen Besorgungen in der innenstadt und der Einladung am Abend noch etwas Zeit totzuschlagen hatte – was mir aber nicht gelang, die Zeit ist ein sauzähes Viech! -, konnte ich es mir nicht nehmen lassen, höchstpersönlich im Apple Store in München reinzuschauen. Und wie gewöhnlich war die Hütte natürlich bumsvoll. Diesmal wohl wegen des Runs auf das neueste iPhone, das – leider – im Apple Store München vollständig vergriffen ist. Die armen Mitarbeiter dort hatten mein ganzes Mitgefühl – na ja… 🙂 – dafür, dass sie wie Sprachautomaten ständig den gleichen Text abspulen mussten: „Wir haben derzeit kein iPhone mehr vorrätig, aber wenn sie auf unserer Homepage eine Vorbestellung…“, bla-bla, bla-bla, usw. Autsch! Da durchläuft man als Apple Specialist wahrscheinlich die sensationellsten Verkaufstrainings inklusive „incentive creation“, „empathic selling“, „lead to transaction close“ und vermutlich ähnlichen Worthülsen, die nur eins zum Ziel haben: Verklopp‘ den heißen Scheiß, Alter! Und dann das! Kein „heißer Scheiß“ da! Doppel-Autsch! In den vielleicht 10 oder 15 Minuten, in denen ich mir die neusten Mac Book Pro-Modelle angesehen habe, kam der obige Satz etwa 20 bis 30 Mal und mindestens einmal auf deutsch, einmal auf Englisch. Man glaubt kaum die Enttäuschung auf den Gesichtern der jäh im Kaufrausch gebremsten Kunden-in-spe! So ähnlich muss das aussehen, wenn man einem Kleinkind zur Belohnung für besonders gutes Benehmen die Lieblingsspeise in Aussicht stellt und dann direkt vor der Nase wegzieht! Da ist Polen ganz schnell wieder offen, Leute!

Aber genug Techie-Kram. An einem strahlend sonnigen Herbsttag wollte ich noch ein bißchen durch’s Getümmel und Gewimmel flanieren (noch ’ne Übung für Irre…) und hab‘ mich dann Richtung Hauptbahnhof aufgemacht, dort kurz den Genuß eines Espressos bei Coffee Fellows erwogen aber schnell wieder verworfen, da die Espressomaschine die Geräuschentwicklung eines startenden Jumbos nachzuahmen suchte, und mich schließlich am Eingang des Alten Botanischen Gartens in einem winzigen sonnigen Fleckchen auf einer Parkbank niedergelassen, just an der Stelle übrigens, an der sich auch der Eingang zur musikalisch-theatralischen Rauminstallation O.R. Pheus befindet. Die hätte ich mir mal lieber reinziehen sollen, wenn die Zeit noch gereicht hätte.

Also eins steht wohl fest: Ich taug‘ nicht (mehr) zum Städter!

Ah ja, und P.S.: Lustigerweise analysiert und kommentiert der geschätzte Sascha Lobo ähnliche Erfahrungen wie meine gestrige hier im SPIEGEL.  Er nennt das Echtzeit-Eskapismus. OK. Nette Wortschöpfung.

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Über renovatio06

Former pro-musician, followed by 20 years in the IT(C) industry, coming back to music & words. Zeige alle Beiträge von renovatio06

4 responses to “iPhonitis

  • renovatio06

    Reblogged this on wesbound and commented:

    Sascha Lobo nennt meine gestrigen Beobachtungen „Echtzeit-Eskapismus“, also Flucht aus dem aktuellen Geschehen um einen herum in die digitale Welt. Nette Wortschöpfung. Er analysiert mein gestriges Erlebnis noch umfassender und gründlicher anstatt sich nur amüsiert drüber zu verwundern, wie ich das getan habe.

  • AlterKnacker

    Apple-laus … ist wohl das Erste, was mir zu diesem Beitrag einfällt … und von mir ‚Standing Ovations‘.

    Wenn ich Dich nur überzeugen könnte, dass solche Beiträge dem FIWUS sehr gut zu Gesicht ständen. Ich denke und schreibe leider nie so gut.

    • renovatio06

      Danke, Jonny! Aber geh mit Dir selbst nicht so hart ins Gericht – Du denkst messerscharf und formulierst das auch so. Wenn Du den Beitrag übernehmen magst, nimm‘ die Reblog-Press-This-Funktion von WordPress (im Admin-Bereich links unter ‚Tools‘ und da dann das „Press This“-Bookmarklet einfach in die Browserleiste ziehen, anschließend meinen Beitrag aufrufe und auf die neue „Press This“-Bookmark klicken, Dein Kommentar dazu, fertig!). Dann ist alles wichtige – Urheberschaft und Rückverlinkung automatisch mit drin. 🙂

  • AlterKnacker

    Reblogged this on Freies in Wort und Schrift und kommentierte:
    Lesenswert

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