Reprise des Jahrhundertsommers – Teil II

(zu Teil I) …ist da meine eigene Geschichte des beruflichen und nun auch sozialen Totalbankrotts, verursacht durch eine ungünstige – um nicht zu sagen fatale – Verkettung persönlicher – nennen wir sie mal „Eigenschaften“ – und massiver beruflicher sowie privater Rückschläge, die ich zeitlich um den Zeitpunkt meiner Scheidung 2003 und die darauffolgenden Jahre verorte. Kurz gesagt: Eine Breitseite folgte der anderen, zuletzt musste ich ein über ein gesamtes Jahr geplantes und bereits „in trockenen Tüchern“ befindliches Auswanderungsvorhaben verwerfen. Es stellte sich heraus, dass ich das Ziel meiner Planungen im Hinblick auf das dort vorherrschende Klima und meine genetisch bedingte Neigung zu entzündlichen Gichtanfällen nicht glücklich gewählt hatte. Anders ausgedrückt: Während meiner drei Wochen vor Ort, in denen ich mich vor der Finalisierung dieses Schrittes „mal eben“ noch selbst davon überzeugen wollte, ob ich mich dort sehen könne, war ich durchgängig krank, hatte hohes Fieber, natürlich auch entzündliche und schmerzhafte Gichtattacken und konnte mein „Programm“ lange nicht mit dem Druck durchziehen, der angezeigt gewesen wäre. Das Risiko, unter solchen Voraussetzungen dann womöglich meinen künftigen Job – und damit die daran gekoppelte, auf ein Jahr befristete – Arbeitserlaubnis zu verlieren, schien mir zu groß. Ich sah es als vernünftiger an, das Projekt abzublasen und stattdessen ein hierzulande bestehendes Jobangebot als Redakteur und Autor der damals noch existierenden Apple-nahen Computerzeitschrift MACup anzunehmen. Als „fester Freier“ – das Wortspiel entgeht dem Menschenschlag in der IT-Welt sowieso, scheint mir aber aus heutiger Sicht zutreffender denn je -, wie man das gemeinhin nannte, also im Status der Selbständigkeit, wo man Sozial- und Krankenversicherungsbeiträge mindestens zu Anfang selbst und in voller Höhe trägt. (Jaaaaaa, schon klar: Die Künstlersozialkasse nahm mich auf, trennte sich aber wenige Jahre später wg. zu geringer Einkünfte wieder von mir als Mitglied). Die schon angedeutete Kombination aus persönlichem „Strickmuster“ sowie die dann offenbar schon eingetretenen Verschleißerscheinungen einer stets hochgetakteten Berufswelt im IT-nahen Umfeld haben mich dann innerhalb weniger Wochen in den sog. burnout geführt. Ich mag den Begriff nicht, weil er in meinem Fall den eingetretenen Umständen nicht oder nur sehr marginal gerecht wird. Außerdem hat er eine „Weichei“-Konnotation, die ich entschieden von mir weise. Ich lehne auch die Bezeichnung „Syndrom“ vollständig ab – egal, ob in Kombination mit einem „Erschöpfungszustand“, einer „Aufmerksamkeitsstörung“ oder sonstigen schick klingenden Termini aus der Welt der „Hirnklempner“ und berufsmässigen „Kümmerer“. Aber damit bin ich ohnehin schon abgeschweift…

Der andere Anlass für dieses persönliche Essay ist die nach allen derzeitigen Anzeichen bevorstehende Auflösung einer demokratisch legitimierten Gesellschaftsordnung in zentralen Bereichen, vornehmlich dem parlamentarischen Budgethoheitsrecht, wiederum so, wie wir sie nach westlich geprägter Vorlage bislang – also seit dem II. Weltkrieg – kannten. Kurz gesagt: Die jetzige Bundesregierung schickt sich an, 500 Mio. Europäer in dauerhafte Schuldknechtschaft zu verkaufen! Wer der Ansicht ist, ich übertreibe mit diesem Begriff, der hat weder die Definition hinter dem Link gelesen, noch ist ihm die Systematik des Europäischen Stabilitätsmechanismus‚ (ESM) geläufig. Um es kurz zu machen und auch eher schlichte Gemüter und Politikverweigerer ins Boot zu holen: Der Bundestag hat in seiner gestrigen Abstimmung den Weg dafür freigemacht, dass es künftig auf Europaebene ein nicht gewähltes, sondern eingesetztes Direktorium geben wird, welches Gelder direkt an Banken der jeweiligen EU-Länder überweisen darf, die selbst oder deren Banken von der Pleite bedroht sind. Dafür stellt das jeweilige Land einen Antrag, der zwar geprüft wird, aber kaum mehr an Auflagen oder gar Rückzahlungsmodalitäten gebunden ist. Zahlungsfrist der übrigen EU-Länder: Sieben Tage. Woher kommt die Kohle? Na aus Steuern und Bruttosozialprodukt natürlich. Anfechtbar? Nein, die höchste Europäische Bank geniesst vollständige Immunität. Irgendwelche Kontrollkommissionen, die deren Vergabekriterien prüfen? Auch nicht mehr. Die Befugnisse wandern direkt aus den nationalen Parlamenten auf Europaebene. Für wie lange? Für immer. Die Verträge sind rückwirkend nicht änderbar. Wer’s nicht glaubt, überzeuge sich selbst in diesem Beitrag. Mich überrascht es nicht, dass der Abgeordnete Dr. Peter Gauweiler in dieser Rede sichtlich emotional gegen diesen vollständigen Wahnsinn wettert und noch am gleichen Abend per Bote eine Verfassungsbeschwerde übergibt (er war einer der wenigen, die die Konsequenzen des ESM abzuschätzen wissen und entsprechend gegen den Verkauf eines Kontinents in die Lohnsklaverei stimmte).

Und warum kratzt mich das nun wiederum? Na ja. Da hat sich mal eben mein gesamtes Weltbild verabschiedet. Alles, woran ich je geglaubt und wofür ich mich mit Haut und Haaren trotz bestehender chronischer Probleme im Gesundheitsbereich – genauer will ich’s nicht sagen, das ist dann doch Privatangelegenheit – eingesetzt habe. Als ich Mitte Zwanzig von meiner vorübergehenden post-pubertären Auflehnung wieder abgerückt und mich eines „besseren“ – ha! – besonnen hatte, habe ich noch studiert, nebenbei gearbeitet, einmal die Woche Musik gemacht, kurz gesagt: Vollgas gegeben! Die Welt stand mir ja offen und nun war ich bereit, mich ihr ganz anheim zu geben und meinen Lebensweg aktiv zu gestalten. Nie werde ich dieses beinahe euphorische Gefühl vergessen, als ich mich dann nach endlosen Diskussion mit meiner damaligen Lebenspartnerin an der Ludwig-Maximilians-Universität München eingeschrieben hatte und die ersten Vorlesungen mit dem wiederum erhebenden Gefühl besuchte, welch ungeheures Privileg es war, solche Bildungseinrichtungen und -angebote beinahe zum Nulltarif wahrnehmen zu können! Was war ich naiv!! (schon wieder…). Denn… weiter hier.

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Über renovatio06

Former pro-musician, followed by 20 years in the IT(C) industry, trying to return to music & words. Zeige alle Beiträge von renovatio06

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