Reprise des Jahrhundertsommers – Teil I

SKG Krumbach1983. Der heißeste Sommer, den wir bis dahin je hatten, mindestens gefühlterweise. Täglich überschritt das Quecksilber ab Mittag locker die 30-Grad-Marke. Im Schatten, natürlich. Spätestens ab der vierten Schul“stunde“ – also ab ca. halb elf Uhr vormittags – waren die meisten von uns am Simpert-Krämer-Gymnasium nur noch halb bei der Sache. Besonders quälend war der Unterricht auf der Südseite des 70-er-Jahre-Baus, die keinerlei Schatten bot und wo die Sonne unbarmherzig in die Klassenzimmer knallte (das verlinkte Bild scheint mir allerdings kein aktuelles zu sein; umso besser! Genauso präsentierte sich das Gebäude zu der Zeit, als ich dort die Schulbank drückte). Auch sperrangelweit geöffnete Kippfenster und halb herunter gezogene Markisen vermochten den Raum kaum abzukühlen. Hie und da erbarmte sich einer der Lehrer und liess uns zusätzlich die schwere, schallabweisende Klassenzimmertür einige Minuten lang öffnen, in der Hoffnung, dass der entstehende Luftzug vorübergehende Linderung bringen möge. Mehr oder minder tapfer standen Lehrpersonal und wir – ein knappes Jahr vor Abiturabschluß – diese Stunden bis mittags um 12.40h durch. Ich bedauerte immer die Lehrkraft, die uns müden Haufen in der letzten Schulstunde noch irgendwie zu wenigstens teilweiser Aufmerksamkeit knapp über vegetativem Niveau motivieren sollte. Häufig waren das ohnehin die für den Abschluß eher weniger bedeutsamen Fächer, wie z.B. Musik, Kunst oder Biologie (es sei denn, man hatte sich nach dem damaligen Kollegstufenmodell für eines dieser Fächer als Prüfungsfach entschieden) – pädagogische, wenn nicht gar unterhaltende Fähigkeiten waren in diesen letzten Unterrichtsminuten immer maximal gefordert. Mit Ertönen des akustischen Signals, das das Ende der Unterrichtseinheit verkündete, machte sich für gewöhnlich überraschende und geräuschvolle Betriebsamkeit – ja beinahe Hektik – breit, die den jeweiligen Dozenten oftmals mitten im Satz unterbrach – die letzten Worte waren dann eher gerufen, denn gesprochen. Mit den wiedererwachten Lebensgeistern stürmten wir dann zu unseren fahrbaren Untersätzen, die uns an den elterlichen Mittagstisch brachten. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich das Mittagsmahl auf den aus Respekt geborenen Minimalverzehr reduzierte, um dann schnellstens meinen Heinkel-Motorroller zu „satteln“ und zu einem der nahegelegenen Badeseen aufzubrechen, wo sich meistens schon ein Grüppchen der – mittlerweile häufig im Besitz eines Führerschein befindlichen – „Auswärtigen“ versammelt hatte. Das waren Schüler, die den täglichen Weg aus umliegenden Dörfern und kleineren Ortschaften des damaligen Landkreises antraten, „Bildungspendler“ also gewissermaßen. Ich erinnere mich auch an das – zumindest bei mir – vorherrschende Grundgefühl der Ungewißheit darüber, was uns denn nun nach Abschluß dieses Meilensteins, dieser früher immer in fast unerreichbar weiter Ferne empfundenen Marke, erwarten würde. Zukunftspläne und Weiterbildungsabsichten waren ebenso Gesprächsstoff wie eben unsere täglichen Sorgen und Nöte auf dem Weg ins Erwachsensein. Auch die vorherrschende Mode, populäre Musik, Sportereignisse, auch Tratsch und Klatsch über Lehrer, Mitschüler, sich findende Pärchen usw. – die üblichen Teenagerthemen halt. Ich weiß noch genau, wie sich angesichts der Gespräche um das „Danach“ immer eine gewisse Beklommenheit meiner bemächtigte, da ich bis zum Schluß – und darüber hinaus – keinerlei konkreten Plan davon hatte, was ich aus meiner Zukunft zu machen gedachte. Ich wußte nur eins: Ich würde nicht den von Lehrern, Eltern, Verwandten und auch dem einen oder anderen Klassenkameraden vorgezeichneten Weg beschreiten, der in meinem Fall Bundeswehr oder Zivildienst, Studium, Job hätte heissen können. In Retrospektive muss ich sagen: Hätte lauten sollen. Hinterher ist man immer klüger – oder so ähnlich.

Was ich damit vorrangig sagen will ist dies: Heute ist mir klar, welchen Luxus es darstellte, überhaupt eine Wahl gehabt zu haben! Oder gar mit einer gewissen Zögerlichkeit kokettieren zu können, getreu dem gedachten Motto: Die Welt steht Dir ohnehin offen. Die Welt muss warten. Was war ich naiv! Und damit komme ich ohne weitere Umschweife zum eigentlichen Thema dieses Beitrags: Dem beobachtbaren, raschen Verfall von Lebensgestaltungsoptionen, oder sollte ich gar sagen: Des Verlustes der Illusion, solche jemals gehabt zu haben…? Denn was bleibt heute eigentlich übrig von den „Idealen“ – oder sagen wir mal von der verbreiteten Geisteshaltung – einer ehemaligen Mittelschicht, die – in Anlehnung an den „amerikanischen Traum“ – ihr Leben der Vorstellung übereignete, dass lückenloses Funktionieren gepaart mit einer ordentlichen Portion Fleiß und der Annahme aller sich bietenden Weiterbildungsangebote, „Karriere machen“ eben, zu Wohlstand, sozialer Sicherheit und – aus materieller Sicht – weitgehend sorgenfreiem Dasein führen würde. Jedenfalls nehme ich das aus meiner Erziehung so mit. Gut möglich, dass ich auch damals schon einiges falsch verstanden habe oder mir das Wesentliche entgangen ist. Dem stünde entgegen, dass auch heute noch typisch deutsche „Tugenden“ wie Fleiß, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit im Ausland ungebrochen hohes Ansehen geniessen.

Aber wie komme ich überhaupt drauf? Nun, zum einen … weiter geht es hier.

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Über renovatio06

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